Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Shirana Shahbazi über ihre Arbeit: «Die Vorstellung, dass ein Künstler eins mit seiner Arbeit sein muss, ist weltfremd»

Shirana Shahbazi erhält den Prix Meret Oppenheim. Sie ist die jüngste Preisträgerin der wichtigen Auszeichnung. Den Preis sieht sie als positives Signal für alle, die wie sie nicht in der Schweiz geboren sind.
Christina Genova
Shirana Shahbazi in ihrem Atelier in Schlieren. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Shirana Shahbazi in ihrem Atelier in Schlieren. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Kaum ist man in Shirana Shahbazis Atelier, ist man schon mitten in einer angeregten Diskussion. Über die Medienkrise, über die Unmöglichkeit, in der Stadt Zürich ein bezahlbares Atelier zu finden, über die «Gentrifizierungswut» ihres Wohnquartier. Direkt und ehrlich tut die Künstlerin mit den wilden Locken ihre Meinung kund, wie noch so oft während unseres Gesprächs.

Der Raum mit der durchgehenden Fensterfront im ehemaligen Gaswerkareal in Schlieren wirkt trotz seiner Grösse intim. Ein zerknautschtes Ledersofa und zwei Zimmerpflanzen schaffen Gemütlichkeit. Die analoge Fotokamera, ein für Shirana Shahbazi zentrales Arbeitsinstrument, steht auf ein Stativ montiert an der Seite. Dass es eine Mamiya-Mittelformatkamera ist, ist für sie nebensächlich:

«Ich bin keine Kamerafetischistin.»

Der Anlass für den Atelierbesuch ist der Prix Meret Oppenheim, welcher der Künstlerin am 10. Juni überreicht wird. Es ist eine der wichtigsten Schweizer Auszeichnungen im Bereich der bildenden Kunst. Künstler erhalten den mit 40'000 Franken dotierten Preis normalerweise für ihr Lebenswerk. Shirana Shahbazi aber wird erst 45. Sie ist damit die mit Abstand jüngste Preisträgerin. Das wichtigste Kriterium für die Auszeichnung sei die Qualität der Arbeit, sagt Giovanni Carmine, der Direktor der Eid­genössischen Kunstkommission, die den Preis seit 2001 vergibt.

Das Atelier in Schlieren.

Das Atelier in Schlieren.

Iranerin, Deutsche, Schweizerin

Tatsächlich hat die Künstlerin schon viel erreicht. Ihre Werke wurden in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt, etwa im New Museum in New York oder im Kunsthaus Hamburg. Und sie sind in renommierten Sammlungen wie der Tate Modern in London oder im Museum of Modern Art in New York vertreten. Giovanni Carmine räumt ein, dass man mit dem Preis auch ein Zeichen setzen wolle. Einerseits für die jüngere Generation, die sehe, dass nicht nur ältere Künstler solche Preise erhielten. Andererseits vermittle man damit, dass auch Menschen mit ausländischem Hintergrund in die Kunstszene integriert würden.

Shirana Shahbazi freut sich sehr über den Preis und sieht ihn als positives Signal. Die Schweiz sei ein Land, in dem ein Grossteil der Bevölkerung keine Schweizer Wurzeln habe. Die öffentliche Wahrnehmung sei aber eine andere:

«Wir müssen diese Bilder korrigieren.»

Einen Bezug zu ­Meret Oppenheim hat sie durch ihren Schwiegervater, den Berner Galeristen Martin Krebs. Er war eng mit der Künstlerin befreundet und organisierte 1968 eine wegweisende Ausstellung mit ihr. Den grössten Teil ihres bisherigen Lebens verbrachte Shirana Shahbazi, die Hochdeutsch mit schweizerdeutschen Einsprengseln spricht, in der Schweiz. 1997 zog sie nach Zürich, wo sie die Fotoklasse der Kunsthochschule besuchte. Geboren wurde sie im Iran, mit elf Jahren wanderte sie mit ihrer Familie nach Deutschland aus.

Keine Farben «ab Stange»

So vielschichtig wie ihre Identität sind auch ihre fotografischen Arbeiten. Im Atelier baut sie aus geometrischen Elementen ab­strakte Bildräume und arbeitet mit raffinierten Spiegelungen. Sie fordert damit die Wahrnehmung des Betrachters heraus und entlarvt die Konstruiertheit unserer Realität. Kompositionen in Schwarz-Weiss kontrastieren mit Werken von verführerischer Farbintensität. Es sind Arbeiten, die sehr malerisch wirken und an Op-Art oder konkrete Kunst erinnern.

Andere Werkserien entstehen ausgehend von Fotografien, die Shirana Shahbazi von ihren Reisen mitbringt. Eine davon lehnt an den Wänden des Ateliers. In Teheran, wo die Eltern der Künstlerin mittlerweile wieder leben, fotografierte sie in der Nacht riesige beleuchtete Werbetafeln – leere weisse Flächen, eine Auswirkung der Sanktionen. Die Fotos liess sie vom Steindrucker Thomi Wolfensberger auf Aluplatten drucken und mit Farbverläufen überlagern. Sie verwendet dafür keine Farben «ab Stange», sondern erarbeitet mit Wolfensberger ganze Nachmittage lang eine eigene präzise Palette.

Hartes Pflaster für arbeitende Mütter

In ihrem Atelier arbeitet Shirana Shahbazi meist alleine. Einen grossen Mitarbeiterstab strebt sie nicht an: «Ich will keinen Betrieb, der mich auf Trab hält.» Sie nimmt dafür in Kauf, dass Dinge liegen bleiben und sie Anfragen ablehnen muss. Trotzdem stemmte sie 2018 vier Einzel- und fünf Gruppenausstellungen. Die Künstlerin hat eine Crew um sich, die sich je nach Situation ­flexibel formiert. Dazu gehören neben langjährigen Assistentinnen eine Freundin, deren Blick von aussen sie schätzt, die Grossmütter und Nachbarinnen, welche die Kinder kurzfristig übernehmen: Ihre Töchter sind dreizehn und neun Jahre alt. Was die Situation arbeitender Mütter angeht, nimmt Shirana Shahbazi kein Blatt vor den Mund:

«Die Schweiz ist in dieser Hinsicht konservativ und nicht gerade das sozialste Land der Welt.»

Natürlich arbeitet die Künstlerin viel, manchmal auch am Wochenende, ist oft auf Reisen. Sie wehrt sich aber gegen die Erwartung, immer verfügbar zu sein, nimmt das Telefon bewusst nicht immer ab. Es gibt für sie ein Leben neben der Kunst. Und nochmals spricht sie Klartext: «Die Vorstellung, dass ein Künstler eins mit seiner Arbeit sein muss, ist romantisch und weltfremd.»

Prix Meret Oppenheim

Das Bundesamt für Kultur (BAK)zeichnet auf Empfehlung der Eidgenössischen Kunstkommission seit 2001 herausragende Kulturschaffende mit dem Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim aus. Neben Shirana Shahbazi und dem Journalisten Samuel Schellenberg werden 2019 die Architekten Markus Peter und Marcel Meili geehrt. Letzterer ist kürzlich verstorben.
In einem Statement würdigt die Jury Shirana Shahbazi als Künstlerin, der es gelungen sei, «die Sprache der zeitgenössischen Fotografie zu erneuern, die Grenzen des Mediums zu erweitern und einen poetischen Blick auf die Aussenwelt und die alltäglichsten Objekte zu entwickeln». Frühere Preisträgerinnen und Preisträger waren unter anderem Peter Kamm (2001), Miriam Cahn (2005), Manon (2008), Roman Signer (2010), Bice Curiger (2012) und Pipilotti Rist (2014). (gen)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.