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Die Wertpapiersammler

Sie arbeiten am Ende der Wohlstandskette, die Roma in Serbien. Die Künstlerin Daniela Gugg hat die Papiersammler besucht und ihre Geschichten aufgeschrieben in «Das Papier der Anderen» – gedruckt auf Altpapier aus Belgrad.
Dieter Langhart
«Die Ärmsten sind die einzigen, die Abfall trennen und wiederverwerten»: Roma-Kinder in Belgrad. (Bild: Aus «Das Papier der Anderen»)

«Die Ärmsten sind die einzigen, die Abfall trennen und wiederverwerten»: Roma-Kinder in Belgrad. (Bild: Aus «Das Papier der Anderen»)

Daniela Gugg trifft die Papiersammler an den Elendsrändern von Belgrad oder Niš. Eine Tonne Papier, in fünf Tagen gesammelt, bringt in den Recyclingfabriken etwa 3500 Dinar ein, 28 Euro. Davon leben fast alle in den «Karton Cities». Fast alle sind Roma, fast alle haben Familie, für alle ist die Familie das Wichtigste. Daniela Gugg stellt ihnen auch diese Frage: «Hat Papier über das Geldverdienen hinaus noch eine weitere Bedeutung für euch?» Vlada und Milja verneinen, Boban isoliert damit die aus Abfall erbauten Hütten, Milos sagt: «Es gibt keine Zivilisation ohne Papier.»

Daniela Gugg hat all ihre Geschichten aufgeschrieben, hat dem Kreislauf des Papiers nachgeforscht und der Befindlichkeit einer benachteiligten Gesellschaftsschicht. Diese Verflechtung von individueller und sozialer Geschichte ist typisch für die Arbeiten der 1981 geborenen Thurgauer Künstlerin.

Geschichte in den Geschichten

An der Werkschau Thurgau 2013 setzte sie mit einer Videoinstallation ihrem Grossvater ein Denkmal. Daraus entstand die Publikation «An Grossvaters Küchentisch» für «Geschichte in Geschichten» im Helmhaus Zürich. Da hat sie erstmals Worte als ihr Ausdrucksmittel verwendet, «erkennend, dass mit Worten Grenzen verschoben und neue Räume eröffnet werden können.» Nun das Heft «Das Papier der Anderen», von der Thurgauer Kulturstiftung als Band 17 der Reihe Facetten herausgegeben, gedruckt auf braunem Šrenc von der Fabrika Hartije Beograd.

Daniela Gugg besucht die Recyclingpapierfabrik, sieht, wie «die ganze Vorgeschichte des Papiers ausgelöscht wird». Sucht nach dem Rohmaterial, begleitet Papiersammler mit ihren Vehikeln. Findet eine 50 000-Dinar-Note aus der Zeit der Hyperinflation im Abfall, dann ein Notenblatt (und Vlada sagt, «meine Familie, das sind alles Musiker»). Weitet aus auf Serbiens Reformenliste für den angestrebten EU-Beitritt oder zitiert Jovan Nikolic: «Die Roma-Literatur ist genauso unsichtbar wie die zwölf bis fünfzehn Millionen Roma, die heute in Europa leben.»

In ihrem steten Wechsel der Perspektiven lässt Daniela Gugg das Bild einer mehrfach geplagten und stigmatisierten Minderheit entstehen: bitterarm, ohne Zugang zu Arbeit und Bildung, zu Wasser und Strom und Ärzten. «Noch sind die Ärmsten des Landes die einzigen, die Abfall trennen und wiederverwerten.» Um zu überleben, nicht um die Umwelt zu schonen.

Bezug: kulturstiftung.ch

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