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Im Kunstmuseum St.Gallen erhalten Sexarbeiterinnen eine Stimme

Die Ausstellung «The Humans» ist die zweite im Provisorium des Kunstmuseums
St. Gallen. Gezeigt wird engagierte Kunst, die sich für Flüchtlinge und Prostituierte und gegen «Fake-News» und «alternative Wahrheiten» einsetzt.
Christina Genova
Sexarbeiterinnen aus Kapstadt tun in der Videoarbeit TLDR von Candice Breitz selbstbewusst ihre Meinung kund. (Bild: PD/Kunstmuseum St. Gallen)

Sexarbeiterinnen aus Kapstadt tun in der Videoarbeit TLDR von Candice Breitz selbstbewusst ihre Meinung kund. (Bild: PD/Kunstmuseum St. Gallen)

«Nicht deine Pretty Woman». «Wir sind nicht dein Hilfsprojekt». Das steht auf Plakaten, welche die in einheitliches Orange gekleideten Frauen hochhalten. Es sind Sexarbeiterinnen aus Kapstadt, die in der rund einstündigen Videoarbeit TLDR der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz lauthals und selbstbewusst einstehen für ihr Anliegen – die Entkriminalisierung der Prostitution. Sie erheben singend und in Sprechchören ihre Stimme. Und wehren sich auch gegen eine Gruppe prominenter Schauspielerinnen wie Meryl Streep, Emma Thomson oder Lena Dunham, die sich 2015 gegen die Entkriminalisierung der Sexarbeit aussprachen. In vermeintlich guter Absicht, aber ohne mit den davon tatsächlich Betroffenen gesprochen zu haben. Candice Breitz spricht in diesem Zusammenhang von einem «weissen Retter-Komplex».

Was es in ihrem Alltag bedeutet, kriminalisiert zu werden, erzählen die Sexarbeiterinnen in einem weiteren Raum der Ausstellung «The Humans» im Kunstmuseum St. Gallen. In zehn längeren Videos berichten sie aus ihrem Alltag, in welchem sie von der Polizei ständig drangsaliert und verhaftet werden. Um nicht in den überfüllten und vor Dreck starrenden Gefängniszellen zu landen, leisten die Frauen den Polizisten sexuelle Gefälligkeiten. Als Betrachter sitzt man den Frauen gegenüber und hört ihren Geschichten zu. Und aus vermeintlichen Opfern werden starke Frauen, die wissen, was sie wollen, und bewusst die Entscheidung getroffen haben, mit ihren Körpern Geld zu verdienen.

Künstler als bessere Journalisten

«Das ist keine politische Ausstellung», sagt der Kurator der Ausstellung, Lorenzo Benedetti. Eine masslose Untertreibung. Denn jedes der Werke in dieser sehenswerten Schau, die passgenau ins Provisorium im Untergeschoss eingefügt ist, bezieht Stellung. Benedettis These lautet zugespitzt, dass Künstler die besseren Journalisten seien. In einer sich rasant verändernden Medienlandschaft seien es vermehrt die Kunstschaffenden, welche auf gesellschaftliche und politische Missstände hinwiesen und über Tatsachen berichteten, die von den Medien sonst unbeachtet blieben. Und vor allem rückten sie den Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Die Nachrichten von Sky News flimmern 24 Stunden über den Bildschirm. In der Videoarbeit von Ed Atkins und Simon Thompson aber ohne Ton. (Bild: Michel Canonica)

Die Nachrichten von Sky News flimmern 24 Stunden über den Bildschirm. In der Videoarbeit von Ed Atkins und Simon Thompson aber ohne Ton.
(Bild: Michel Canonica)

Die pessimistische Sicht auf die Medien wird gleich eingangs dargelegt. Über einen riesigen Bildschirm flimmern die Nachrichten von Sky News, einem 24-Stunden-Nachrichtenkanal. Eine Breaking News jagt die andere. Zeit, um innezuhalten, bleibt keine. Alles ist gleich wichtig oder unwichtig. Mit dem einfachen Eingriff, den Ton wegzulassen, führen Ed Atkins und Simon Thompson die Absurdität dieser Flut an Informationen und Bildern eindrücklich vor Augen.

Artur Zmijewski hat in Paris Flüchtlinge «vermessen». (Bild: Michel Canonica)

Artur Zmijewski hat in Paris Flüchtlinge «vermessen».
(Bild: Michel Canonica)

Artur Zmijewski hingegen gibt den Menschen hinter den Schlagzeilen ein Gesicht. Die fotografische Serie «In Between» hat er speziell für St. Gallen geschaffen. Mit einer analogen Kamera machte er schwarz-weiss Aufnahmen von Migranten in einem Flüchtlingslager in einem Park mitten in Paris. Einen Schwarzen fotografierte der Pole wie auf Fahndungsfotos von allen Seiten. Anderen legte er einen Massstab an den Kopf. Diese Bilder erinnern an die vor hundert Jahren populären Rassetheorien, welche durch Schädelvermessungen die Minderwertigkeit anderer Ethnien belegen wollten. Es sind provokative Aufnahmen, mit denen Zmijewski die Kontinuität des europäischen Diskurses über das Fremde aufzeigen will.

Daniela Ortiz lässt sich das Beruhigungsmittel verabreichen, das sonst Menschen gespritzt wird, die aus den USA zwangsdeportiert werden. (Bild:PD/Courtesy of the artist)

Daniela Ortiz lässt sich das Beruhigungsmittel verabreichen, das sonst Menschen gespritzt wird, die aus den USA zwangsdeportiert werden. (Bild:PD/Courtesy of the artist)

Buchstäblich vollen Körpereinsatz für die Kunst leistet Daniela Ortiz. Sie lässt sich vor laufender Kamera jenes Beruhigungsmittel spritzen, das in den USA häufig Menschen verabreicht wird, die zwangsdeportiert werden. Währenddessen liest sie aus US-Deportationsberichten. Je mehr das Sedativum seine Wirkung entfaltet, desto unverständlicher werden ihre Worte.

Francesco Arena hat die Schritte der Flüchtlinge von Syrien bis nach Europa gezählt und in minimalistischen Bronzeskulpturen umgesetzt. (Bild: Michel Canonica)

Francesco Arena hat die Schritte der Flüchtlinge von Syrien bis nach Europa gezählt und in minimalistischen Bronzeskulpturen umgesetzt. (Bild: Michel Canonica)

Zwei weitere Arbeiten der Ausstellung beschäftigen sich mit der Migration. Francesco Arena bricht das Thema auf ein menschliches Mass herunter, indem er die Schritte der Flüchtlinge, die sie von Syrien bis nach Europa zurücklegen, gezählt und in minimalistische Bronzeskulpturen umgesetzt hat. Rossella Biscotti schliesslich zeigt auf, dass Flüchtlinge und Rohstoffe wie Öl und Gas beinahe denselben Routen nach Europa folgen.

Hinweis:

Kunstmuseum St.Gallen, bis 17.3.19.

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