Nestroy zum Zweiten: Die Welt war früher schon nicht besser

Das St.Galler Theater Parfin de siècle verbreitet mit Wiener Schmäh fröhliche Untergangsstimmung: Nach Nestroys Stück "Frühere Verhältnisse" stehen nun Lieder aus seinen Komödien auf dem Programm.

Bettina Kugler
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Ein Prosit auf den Weltuntergang: Regine Weingart kann ein Lied davon singen, Claire Pasquierbegleitet am Klavier.

Ein Prosit auf den Weltuntergang: Regine Weingart kann ein Lied davon singen, Claire Pasquierbegleitet am Klavier.

Ralph Ribi

Ach, haben’s die Männer doch gut! Die rotschopfige Gänsemagd Salome weiss ein Lied davon zu singen. Weil sie aus einer Posse des Wiener Komödienschreibers Johann Nepomuk Nestroy stammt, ist es ein traurig-böses Couplet, ein eingeschobenes Lied zur Erheiterung. Wenn die Salome alias Regine Weingart dann auch noch anfängt zu jodeln, kriegt die Gänseattrappe auf dem Klavier glatt eine Hühnerhaut. Hat man schon jemals ein derart abgelöschtes Dridullijöh gehört?

«Ja, die Zeit ändert viel...», so prophezeit das Motto dieses Coupletabends. Er verlängert den Nestroyherbst am Theater Parfin de siècle ins neue Jahr – weil’s doch so nett war mit den «Früheren Verhältnissen» im September 2019. Das kleine, feine Nachspiel dazu ist eine Collage aus Spottliedern und kurzen Szenen, gespielt und gesungen von Regine Weingart und Matthias Flückiger; Regie führt wiederum Arnim Halter. Claire Pasquier am Klavier greift nicht nur beherzt und versiert in die Tasten, sondern hin und wieder auch zum Bierkrug, der darauf steht. Hat sie erst einen kräftigen Schluck Luft intus, so bietet sie den zwei komischen Singvögeln umso energischer die Stirn.

Ein Meisterstück mit Macken und Schwächen

Dann trifft Wiener Schmäh auf britischen Snobismus. Ausgerechnet! Der nämlich ist auch nicht edler als die Enge der Metternich-Ära, welche bei Nestroy frech verhöhnt wird. Zielscheibe des Spotts sind ausserdem Ausgrenzung und Diskriminierung, sagen wir, nur so als Beispiel, Rothaariger. Dummheit im Allgemeinen und im Besonderen. Mangelnde Männertreue, Ignoranz angesichts gärender Zustände und eines drohenden Weltuntergangs: alles drin in Nestroys Zwischengesängen aus Stücken wie «Freiheit in Krähwinkel» oder «Zu ebener Erde und erster Stock». Die Zeit ändert viel? Unsinn! Die Zeiten ähneln sich auf verblüffende Weise. Nur der Mensch wird anders und alt, er bekommt graue Haare, Arthritis und Hexenschuss.

Matthias Flückiger und Regine Weingart lassen daran keinen Zweifel. Der Schmäh liegt ihnen im Blut und auf der Zunge; es braucht nur wenig Zubehör und kein grosses Theater. Bei Regine Weingart reicht die lebenserfahrene Stimme, eine leicht hochgezogene Augenbraue. Ihr Gspänli, ob als Schnoferl, Titus Feuerfuchs, Knieriem oder Damian (sämtlich Rollen, in denen Nestroy brillierte) lässt auch mal die Augen rollen und fast aus dem Kopf fallen. Ganz zu schweigen von der Donnerstimme: Da zittern die Wände, die Sterne am Firmament kommen in Unordnung.

Liebe und Rausch ähneln sich

Hochgestapelt wird nur im wörtlichen Sinne. Die Holzkisten von Schützengarten eignen sich bestens als variable Sitzgelegenheiten und dazu, den Sängern alle Hände voll zu tun zu geben. Sie würden uns sonst zu tief in die Augen schauen.

Man hat sie gern, die höchst unvollkommenen Meisterstücke der Schöpfung, die Weingart und Flückiger nach und nach auf die Bühne bringen, mal halb angezogen, mal in Gehrock und Bowler. Man versteht aber auch die Qualen der Frau am Klavier, wenn sie geduldig präludieren muss, bis die Butterbrote gekaut sind. Schnaps oder Schampus, das ist am Ende die Frage. Wie der Rausch, so sei die Liebe der Männer, heisst es. Der Abend im Theater Parfin de siècle ist irgendwie beides – prickelnd und flüchtig, ehrlich und tüchtig.

Nächste Vorstellungen: Heute und So 17.30 Uhr, 14.1., 20 Uhr, Theater Parfin de siècle