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Jahresrückblick im Casinotheater: Die Welt lässt sich nicht ordnen

Im Casinotheater Winterthur werden die Relikte einer überdrehenden Menschheit im «Bundesordner 2018» von einer munteren Schar von Kabarettisten ins Museum gestellt.
Rolf App
Bauen ein Museum der Menschheit für das Vergangene: die Comedy-Truppe im Casinotheater. (Bild: PD)

Bauen ein Museum der Menschheit für das Vergangene: die Comedy-Truppe im Casinotheater. (Bild: PD)

In der Pause hat Anet Corti Speichelspuren und Haare gesammelt. Hat rasch unser Erbgut analysiert. Und ist zu höchst betrüblichen Einsichten gelangt: Wir, das Premierenpublikum, sind entsetzliches Mittelmass. Nein, so kann es nicht weitergehen. Mit der Menschheit nicht, und mit der Schweiz schon gar nicht.

Also fährt sie auf der Bühne des Winterthurer Casinotheaters ein kleines, dampfendes Kästchen auf, in dem schon das Erbgut eines Herrn aus der neunten Reihe brodelt, mixt allerlei Zutaten hinein, und siehe da: Der Nachwuchs sieht ganz anders aus als sein Stammvater. Anders auch als diese bildungsmässig hochgepushten Kinder, die schon zwölf Sprachen können – und einmal in zwölf Sprachen in die Pubertät kommen werden. Nein, unsere muntere Genmischerin ist da sehr vorsichtig gewesen bei ihrem Optimierungsversuch.

(Bild: PD)

(Bild: PD)

Lebhaft und mit einer Prise Rock ’n’ Roll

Anet Cortis Auftritte gehören zweifellos zu den Höhepunkten des diesjährigen «Bundesordners 2018», der wie immer das neue Jahr mit dem satirischen Rückblick aufs vergangene eröffnet. In einem bunten Bilderbogen taucht dies und das auf, zwischendurch rockt es auch mal auf der Bühne: Pascal Dussex von Les trois Suisses hat eine beeindruckende stimmliche Präsenz und enormen Schwung – und wird diesbezüglich höchstens noch von Jane Mumford und Lea Whitcher von 9 Volt Nelly in ihrer Hexennummer in den Schatten gestellt.

Schön, dass es so lebhaft zugeht. Schön aber auch, dass Kathrin Bosshard mit ihren Puppen und Jess Jochimsen mit seinen kuriosen Schnappschüssen Inseln nachdenklicher Ruhe schaffen. Denn vieles ist ja auch tragisch auf dieser Welt. Laurin Buser als das letzte männliche Breitmaulnashorn, das sich einem letzten Zeugungsversuch verweigert, weiss davon ein Lied zu singen.

(Bild: PD)

(Bild: PD)

Ein Gespräch über zwei Kartoffeln

Doch der Titel des Abends täuscht. Diese Welt lässt sich nicht ordnen. Und so ist denn auch jener überdimensionierte Ordner verschwunden, der in früheren Jahren die Bühne dominiert hatte. Stattdessen wird dort jetzt auf Podesten ein Museum der Menschheit aufgebaut, dessen Kuratoren Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter vom Duo schön&gut sich dann beispielsweise über zwei Kartoffeln namens Vinzens und Gisel unterhalten, beide fallen gelassen im vergangenen Jahr. Kann sein, dass unsere von Anet Corti hemmungslos optimierten Nachfahren sich dereinst an einem solchen Ort über das informieren, was ihre seltsamen Ahnen da getrieben haben.

Manchmal kippt das Ganze ins Moralinsaure

Man soll den Menschen die Wahrheit nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen, sondern sie ihnen wie einen warmen Mantel um die Schultern legen, hat der grosse Kabarettist Hanns Dieter Hüsch einst gesagt. Das ist der Wermutstropfen des Abends: Dass da der nasse Lappen allzu oft zum Einsatz kommt und die Satire allzu oft in die moralinsaure Proklamation hehrer Ideale kippt.

Dann stehen «die da oben» uns einfachen Erdenbewohnern gegenüber und skrupellos Regierende uns friedlichen Erdenbürgern. Doch dieses Bild ist schief. Wir handeln zwar nicht mit Waffen und lassen keine Flüchtenden ertrinken. Aber menschenfreundlich sind wir doch gerne nur dort, wo es uns nichts kostet. Wir wären also mitgemeint gewesen, und das hätte die Satire noch beissender gemacht.

Weitere Vorstellungen in Winterthur bis 3. Februar, ausserdem gastiert der «Bundesordner 2018» am 26. Januar in Jona, am 27. Januar in Zug und am 29./30. Januar in Olten.

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