Die Welt ist zwei Dörfer

Stark nach Osten und in den Süden hat das 19. Internationale Literaturfestival Leukerbad geblickt. Neben Stammgastautoren und Mittelmass gab's auch einige Entdeckungen.

Dieter Langhart
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Das ist Leukerbad: Jens Steiner liest gerade aus «Carambole». (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Das ist Leukerbad: Jens Steiner liest gerade aus «Carambole». (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Was macht eine literarische Lesung aus? Drei Dinge, mit aufsteigender Wirkung: der Inhalt des Textes, die Sprache, die Kraft, mit der der Autor liest. Wer sprühende Sprache und Intensität mitbringt, hat das Publikum auf seiner Seite. In Leukerbad waren das heuer im Grunde nur zwei: Saša Stanišic und Jens Steiner. Und beide machen ein Dorf zum Protagonisten.

Keiner hört weg

Suchende und verlorene Figuren im Stillstand – Bewegung findet allenfalls im Kopfe statt – bevölkern das Dorf in Jens Steiners zweitem Roman «Carambole», für den er vergangenes Jahr den Schweizer Buchpreis erhalten hat. Aus zwölf Kapiteln besteht er, ein dreizehntes, «Die allerletzte Runde», hat Steiner in Leukerbad vorgestellt.

Vorgestellt? Gestaltet! Steiner ist einer der wenigen Schweizer Autoren, die ihr Werk derart vorzutragen wissen, dass niemand weghört. Kein Wunder, denn er liest es sich schon beim Schreiben laut vor. Die Sprache kräftig und unverbraucht, da werden etwa Gärten gestriegelt; die Sätze über vermurxte Leben unscheinbar unerbittlich: Er müsste seinen Kopf nur ein kleines Stück über die Welt heben.

Furioser Chorgesang

Auch Saša Stanišic' «Vor dem Fest» ist ein Zweitling. Der 1978 im bosnischen Višegrad geborene Autor hat in «Wie der Soldat das Grammofon repariert» sehr persönlich den Bürgerkrieg in Jugoslawien reflektiert, vor dem seine Familie nach Deutschland floh, als er vierzehn war. Schon da ging Stanišic mit seiner zweiten Sprache so kreativ um wie kaum ein anderer. Und jetzt, in «Vor dem Fest», löst er das «Versprechen aus Geschichten» aus seinem Début vollends ein: «niemals aufhören zu erzählen». Dafür hat er den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. In einem «furiosen Chorgesang in Prosa», so die Jury, erzählt Stanišic von der ostdeutschen Befindlichkeit nach der Wende in einem kleinen Dorf in der Uckermark: urkomisch bis drastisch, oft melancholisch, ironisch auch. Und stets überraschend.

Saša Stanišic rollt das R, er gestikuliert und blickt ins Publikum, weil er seine Sätze fast auswendig kann, er grinst zurück, wenn es lacht. Stanišic habe ein untrügliches Gefühl für die Pointe, sagt Elke Schmitter im Gespräch mit ihm, und der Autor erzählt, wie er als Kind Ameisen mit dem Hammer getötet und statt in einem eigenen Zimmer auf einem Sofa voller Bücher geschlafen hat. «Ich habe früh Dinge aufgeschrieben, so ist mein Interesse für die Welt entstanden.» Der Humor diene ihm als Abwehrzauber, sagt Stanišic, und solchen Humor habe er auch bei den Menschen in der Uckermark angetroffen, einer Welt, die vom Verschwinden bedroht sei. Zwei Jahre hat er unter ihnen gelebt, hat in Archiven und Heimatmuseen gegraben, hat dann raffiniert mit einem Wir-Erzähler siebenhundert Jahre in einen einzigen Abend gepackt, immer wieder den Schrecken und das Sentiment aufhebend.

Jenseits von Afrika-Klischees

Seien wir fair: Beinah ebenso lebendig wie Stanišic und Steiner liest auch Terézia Mora, wenngleich «Das Ungeheuer» inhaltlich seltsam kühl anmutet. Und Christoph Simon, zum siebenten Mal in Leukerbad, trägt zwei launisch-kritische Texte frei vor am literarischen Samstagabend.

Österreich war wie in Leukerbads frühen Jahren stark vertreten mit dem Dramolett-Meister Antonio Fian, dem Lyriker Durs Grünbein, Klaus Händl (der mit Raphael Urweider Robert Walsers «Der Teich» ins Hochdeutsche übertragen hat) und Bodo Hell. Den ferneren Osten Europas vertraten Liliana Corobca aus der Republik Moldau, Tanja Maljartschuk, deren Roman «Biografie eines zufälligen Wunders» die jüngsten Ereignisse in der Ukraine ungeahnte Aktualität verliehen haben, und Sema Kaygusuz aus der Türkei.

Und der Süden? Konstruiert und flach Gail Jones' «Ein Tag in Sydney», schlicht das Début «Unter den Augen des Löwen» der Äthioperin Maaza Mengiste. Plastisch dagegen «Der Garten der verlorenen Seelen» von Nadifa Mohamed aus Somalia, die jenseits übler Afrika-Klischees die Überlebensgeschichte dreier Heldinnen erzählt. Und zu entdecken war die Brasilianerin Clarice Lispector (1920–76), der Katharina Faber und Benjamin Moser einen Abend widmeten.

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