Die Welt ist in Schieflage

Vanessa Billy hat in der Kunsthalle St. Gallen eine Ausstellung von grosser Dringlichkeit realisiert. Die Meere sind leergefischt, wir sind immer noch vom Erdöl abhängig und Rettung ist vorläufig nicht in Sicht.

Christina Genova
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Die Frau ist im Gleichgewicht. Die Hochschwangere liegt auf ihrem prallen Bauch, Arme und Beine balancieren in der Luft. Ihr Blick ist auf den Boden der Kunsthalle gerichtet. Vanessa Billy lässt ihre Skulptur etwas Unnatürliches tun – eine Frau, die ein Kind erwartet, würde sich niemals auf den Bauch legen. Es ist demnach eine trügerische Balance, in welche die Genfer Künstlerin die Frau versetzt hat. Die St. Galler Ausstellung ist die bis anhin grösste Einzelausstellung der 38-Jährigen. Sie gehörte 2012 zu jenen vielversprechenden unter vierzigjährigen Schweizer Kunstschaffenden, die im Aargauer Kunsthaus in der Ausstellung «La Jeunesse est une Art» vertreten waren.

In Balance befindet sich auch die zweite Frau im Raum. Nur dass sich anstelle des Babybauches ein Automotor unter ihr wölbt, der ihren Körper aus Polyurethan sanft zum Vibrieren bringt. Guter Hoffnung ist weder die eine noch die andere der beiden Frauenskulpturen. Sie stehen als Metaphern dafür, dass unser Verhältnis zur Natur und zur Technik alles andere als in Balance, sondern gehörig in Schieflage geraten ist. Drei «Rettungsringe» sind zwar in Reichweite. Doch die Schläuche von Lastwagenreifen sind nutzlos, weil sie zwischen den Säulen der Kunsthalle gefangen sind.

Die leeren Hüllen sind Platzhalter

«We Dissolve» lautet der Titel der Ausstellung, was man sowohl mit «Wir lösen uns auf» als auch «Wir lösen auf» übersetzen kann. Was Vanessa Billy in ihrer Schau leistet, ist eine kritische Bestandesaufnahme über den Zustand der Welt, die alles andere als positiv ausfällt. Die Meere sind leergefischt: Im Netz, das sich über eine ganze Wand der Kunsthalle ausbreitet, glitzern einzig Wassertröpfchen. Bei näherer Betrachtung erweisen sie sich als Kunststoffteilchen. Es ist eine Anspielung darauf, dass die Weltmeere mit riesigen Flächen schwimmender Plastikabfälle bedeckt sind. Kleinste Partikel des sich zersetzenden Kunststoffs werden von den Meerestieren aufgenommen und gelangen über die Nahrungskette in unsere Körper. Es ist einer der unheilvollen Kreisläufe, auf welchen Vanessa Billy aufmerksam macht.

Vermeintlich Lebendiges findet sich in einem Gitterturm im letzten Raum. Es sind Silikonabgüsse einer Garnele, Muschel oder Banane – beinahe fallen sie zwischen den Metallstäben durch. Sie werden abwechslungsweise von schwach aufleuchtenden LED-Lichtern erhellt. Ein trostloser Anblick – die leeren Hüllen sind Platzhalter, denen alles Leben ausgesogen wurde.

Wir Menschen haben uns in Abhängigkeiten begeben, aus denen wir uns nur schwer befreien können. Dazu gehört für die Künstlerin an erster Stelle das Erdöl. Es ist in dieser Ausstellung in seinen zahlreichen Erscheinungsformen mannigfach präsent: Die Frauenskulpturen und die Reifen bestehen aus Erdölderivaten, Erdöl bringt in Form von Benzin oder Diesel den Automotor zum Laufen. Mit Vaseline, die nichts anderes ist als Erdöl-Gelée, hat Vanessa Billy ein Fenster beschmiert. Darin spiegeln sich die Bilder eines Monitors. Ein Baby ist darauf zu sehen. Vielleicht ist es das Kind der Schwangeren aus dem ersten Raum. Doch in welche Welt wurde es geboren? Im Loop sehen wir das Baby zuerst nur ganz klein, bis es immer grösser wird und wir schliesslich in seinen Bauchnabel eintauchen. Atemgeräusche begleiten den Vorgang. Mit dem ersten Atemzug beginnt das Leben, mit dem letzten schliesst sich der Kreis.

Nabelschnüre des digitalen Zeitalters

Für die Entfremdung von den natürlichen Kreisläufen des Lebens stehen die beiden Metallwannen im letzten Raum. Sie sind mit Wasser gefüllt, darin liegen Kabel in allen Farben – vom Stromkabel, über das ISDN-Kabel bis zum Modemkabel. Ohne diese Nabelschnüre des digitalen Zeitalters käme unsere Welt zum Erliegen – etwas Feuchtigkeit genügt für einen Kurzschluss.

Vanessa Billy gelingt in der Kunsthalle St. Gallen eine Ausstellung, die zum Nachdenken anregt und grosses Unbehagen auslöst. Die einzelnen Arbeiten in den drei Räumen sind durch vielfältige Bezüge verbunden.

Vanessa Billy: «We Dissolve», Kunsthalle St. Gallen; bis 13.11. Di–Fr 12–18, Sa/So 11–17 Uhr