Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Starautor Norbert Gstrein:
Die Welt im Vexierspiegel

Der Österreicher Norbert Gstrein beschreibt als Roman «Die kommenden Jahre». Doch was aus Flüchtlings- und Ehekrisen werden kann, das muss der Leser oder die Leserin selbst entscheiden. Am Donnerstag liest der Autor in Stans.
Valeria Heintges
Der österreichische Autor Norbert Gstrein (56). (Bild: Gustav Eckart/PD)

Der österreichische Autor Norbert Gstrein (56). (Bild: Gustav Eckart/PD)

Norbert Gstrein ist ein schneller Autor. Er veröffentlicht alle zwei, drei Jahre neue Romane und nimmt sich dafür hochaktuelle Themen vor: Jugoslawien-Krieg, Terrorismus und religiösen Fanatismus oder den Gaza-Konflikt. Und jetzt: die Flüchtlingskrise. Doch Gstrein ist auch ein vielschichtiger Autor, der seine Fi­guren in Vexierspiegel stellt, der die Handlung mehrfach bricht, um über die Nachrichtenthemen hinaus rein menschliche Konflikte zu beschreiben.

Im Zentrum von Gstreins Roman «Die kommenden Jahre», den der Österreicher im Literaturhaus Zentralschweiz vorstellen wird, stehen der Ich-Erzähler ­Richard, ein erfolgreicher Glaziologe, und seine Frau Natascha, Schriftstellerin, ebenfalls erfolgreich. Richard untersucht das schleichende Sich-Zurückziehen des Gletschereises, sie die Menschen und ihr Innerstes.

Als im Frühjahr 2016, kurz vor der Trump-Wahl in Amerika, die Flüchtlinge auf deutschen Bahnhöfen jubelnd begrüsst ­werden, wollen auch Richard und Natascha etwas tun. Sie stellen ihr Sommerhaus, idyllisch gelegen an einem See in Mecklenburg-Vorpommern, einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung. Richard schaut immer skeptischer zu, wie Natascha die Familie Farhi – Vater, Mutter, zwei Söhne – unter ihre Fittiche nimmt. Als sie sich in den Medien als «Modell- und Vor­zeigefamilie» darstellt, ist Richard angewidert. Doch Natascha treibt ihre Selbst-PR noch weiter und nötigt Herr Farhi zu einem Buchprojekt, in dem sie als Ko-Autorin seine Geschichte aufschreibt.

Gstrein stellt sein eigenes Schreiben in den Vexierspiegel, wenn seine Schriftstellerin im Buch ein ähnliches Projekt wie er selbst in die Tasten haut. Prompt wird Natascha und Herrn Farhi auf einer Lesung vorgeworfen, sie hätten die Flucht dramatischer geschildert, als sie es war. Herr Farhis Verteidigung, die Beschreibung sei zwar nicht wahr, aber wahrhaftig, beruhigt das ­Publikum nicht.

«Jede Schreibstrategie ist immer auch eine Distanzierungsstrategie», sagt Norbert Gstrein im Interview mit Radio SRF ­Kultur. Gewissen Geschichten werde man eher gerecht, wenn man ­ihnen nicht zu nahe komme. Gstrein umgeht die Falle, weil er die Flüchtlingsfamilie vor allem als Katalysator für Ehe­streitereien und Variationen der Themen Flucht und Fremdheit nutzt. Wie Gstrein selbst ist auch der Glaziologe Richard ein in Hamburg lebender Tiroler. Einer zudem, der sich, wie er behauptet, in Europa zunehmend fremd fühlt und immer stärker mit dem Gedanken spielt, nach Kanada zu seinem Kollegen Tim Markowich auszuwandern. Ein gewichtiges Argument dafür ist die immer ernsthafter werdende Liaison mit der mexikanischen Kollegin Idea Selig, die Gstrein als wunderbar direkte, kraftvolle Frau zeichnet. Idea schreckt nicht davor zurück, ihm zu gestehen, wie sehr sie seine Frau Natascha hasse, betitelt diese als «blondes Monster der Moral». Doch während Richard an eine Auswanderung aus Luxus-Gründen denkt, die keine Asylbehörde der Welt akzeptieren würde, sind Ideas Eltern vor dem Holocaust und Tim Markowichs Vater aus Jugoslawien geflohen.

Protagonisten schlittern in handfesten Ehekrach

Richard selbst schert sich nicht um diesen Kontrast zu seinen Freunden. Ohnehin schlittert er ein wenig naiv, ziemlich feige und mit ausgeprägter Abneigung gegen Konflikte durchs Leben und immer mehr in einen handfesten Ehekrach hinein. Wobei die Verbindung Natascha-Richard von Anfang an so konstruiert wirkt, dass man ihnen zwar die Krise, aber nicht das vormals halbwegs glückliche Eheleben glauben mag. Beinahe folge­richtig bleibt auch die gemein­same Tochter Fanny blass.

Das stört jedoch kaum bei der Lektüre, denn die Exposition ist explosiv und wird es immer mehr, wenn die Flüchtlinge am nordostdeutschen See von Nachbarn zunehmend skeptisch beäugt und letztlich auch handfest bedroht werden. Eine Tat­sache, die Natascha aufbauscht und Richard in an Ignoranz grenzender Toleranz kleinzureden versucht. Gstrein hütet sich vor einseitiger Parteinahme, zeichnet vielmehr in glasklarer Sprache auf, was passiert, und bürstet auch die Entwicklung der Flüchtlingsfamilie gegen den Strich der Erwartungen.

Wie das ausgeht? Das lässt Gstrein offen. Und bietet drei 13. Kapitel an. Ein «Ende für Litera­turliebhaber», ein «anderes Ende» und das «Was wirklich geschehen ist». Doch auch dieser Festlegung sollte der Leser nicht glauben. Denn wohin das alles führen wird, das zeigen ohnehin erst «Die kommenden Jahre».

Hinweis

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Hanser, 285 Seiten.

Lesung am 17. Mai 2018, 19.45 Uhr im Literaturhaus Zentralschweiz Stans.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.