Die warme und die kalte Welt

In seiner Inszenierung von Jules Massenets «Le Cid» setzt Guy Joosten an den St. Galler Festspielen starke Akzente. Gleichwohl bleibt ein Gefühl des Unbehagens zurück, das vom Gegensatz von Szene und Musik her rührt.

Rolf App
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Wie eingesperrt: Die Liebenden Chimène (Mary Elizabeth Williams) und Rodrigue (Stefano La Colla) in den Türmen ihrer Familien. (Bild: T+T Fotografie/Tanja Dorendorf)

Wie eingesperrt: Die Liebenden Chimène (Mary Elizabeth Williams) und Rodrigue (Stefano La Colla) in den Türmen ihrer Familien. (Bild: T+T Fotografie/Tanja Dorendorf)

Jules Massenets «Le Cid» im St. Galler Klosterhof: Das ist wieder ein eindrückliches Erlebnis in der an eindrücklichen Inszenierungen bereits reichen Geschichte der St. Galler Festspiele. Es ist wieder eine Oper, die man nicht kennt. Wieder ein Komponist, den die meisten zu wenig kennen. Wieder ein Kapitel der Geschichte, das aufgeschlagen wird – und das gut passt zum sakralen Charakter des Orts.

Noch ein paar Fragen

Und doch bleibt man, trotz Erlebnis, auch irgendwie unbeeindruckt zurück. Und fragt sich, woran es liegen mag. Liegt es an der Vorlage und an einer gewissen Handlungsarmut, die sie auszeichnet? Ist es, wie am Premierenabend Regierungsrat Martin Klöti angemerkt hat, in seiner filigranen Textur doch eher Musik zum Hören? Hätte Guy Joosten in seiner Inszenierung mehr tun müssen oder anderes? Fehlt es dem Ganzen auch an Atmosphäre?

Um die Antwort bereits vorwegzunehmen: Es ist von allem etwas. Aber bleiben wir noch beim Eindrücklichen: Wie Franc Aleu an der Fassade der Kathedrale mit seinen Videoprojektionen eine zusätzliche Erzählebene schafft, das prägt den Abend über weite Strecken.

Tränen auf der Kathedrale

Er färbt sie blutrot oder düster-schwarz. Er lässt ein Kerzenmeer auf ihr wachsen und Tränen über sie fliessen. Wir sehen Mary Elizabeth Williams weinen und einen Ritter auf seinem Pferd in den Kampf ziehen. Und am Ende bleibt eine Ruine: Die Kirche hat sich der Gewalt verkauft, sie ist nicht mehr.

Eindrücklich sind auch die Sänger. Mary Elizabeth Williams, die als Chimène alle Register zieht, vom wütenden Aufbegehren bis zum zarten Liebesschmerz vielerlei Gefühlen Ausdruck verleihen muss – und das auch schafft. Dasselbe gilt für Stefano La Colla als Rodrigue, dem zwischen Ehre und Liebe, zwischen Vaterland und privatem Glück Zerrissenen. Von der Triumpharie auf sein Rittertum und auf Spanien im ersten Akt bis zum Liebesabschiedsduett im dritten liegt ein weiter Weg, der viel von der Stimme fordert.

Das gilt für Evelyn Pollock als Infantin, deren tiefe Einsamkeit mit Händen zu greifen ist – am berührendsten im Duett mit Chimène gleich in der ersten Szene. Das gilt für Levente Páll als Don Diègue, dem in einem gewissen Hochmut mehr daran gelegen ist, seine eigene Ehre wiederherzustellen, als den Sohn Rodrigue mit Chimène glücklich werden zu lassen.

Das Signal der Gerüsttürme

Eindrücklich sind schliesslich die von Michael Vogel einstudierten Chöre. Sie setzen in den Kostümen von Eva Krämer auch farblich schöne Akzente und tragen einiges bei zur Belebung des Geschehens auf der von Alfons Flores weiträumig angelegten Bühne, die zwei verschiebbare Gerüsttürme flankieren.

In ihnen hausen die anfangs befreundeten, dann rasch verfeindeten Familien der Diègues und der Gourmas'. Der Comte de Gourmas (Kevin Short) wird vom König (Tomislav Lucic) übergangen, er beleidigt im Zorn Don Diègue, der, vor aller Welt gedemütigt, seinen Sohn zur Rache anstiftet. So kommt es, dass Rodrigue den Comte niedersticht und dessen Tochter Chimène Vergeltung fordert. Sie richtet sich, wie sie erst spät bemerkt, gegen den eigenen Geliebten. Den rettet am Ende ein Krieg, den die Mauren anzetteln und in dem er als schlagkräftiger Ritter «El Cid» gebraucht wird.

Massenets Stärke

Für genügend Dramatik wäre also gesorgt, doch liegt Massenets Kunst und Neigung stärker im Ausdruck intimer Gefühle und im Zeichnen zarter Beziehungen als in den Haupt- und Staatsaktionen. Für letztere hat er durchaus auch sein Flair. Aber die wahren, berührenden Höhepunkte liegen doch woanders.

Menschen in grosser Leere

Die innere Spannung dieser Oper entsteht ja – für das 19. Jahrhundert keineswegs untypisch – aus der Unvereinbarkeit der Ansprüche der Gesellschaft mit den Bedürfnissen des einzelnen. Chimène und Rodrigue wollen lieben, ihre Väter zwingen sie zu hassen. Die Liebe ist ein kraftvolles Element, das in der vom Sinfonieorchester St. Gallen unter Modestas Pitrenas gestalteten Musik in vielen Farben, schönen Melodien und berührenden Stimmungen lebt – das aber in der Inszenierung wenig Echo findet.

Diese Inszenierung geht in eine andere Richtung, und sowohl die Bühne wie die von Marco Filibeck gestalteten Lichtstimmungen unterstützen sie dabei. Oft finden sich die Liebenden wie eingesperrt in ihren Türmen, auf grosse Distanz gebracht von einer Gesellschaft, in der Erfolg, Ehre, Wohlstand weit mehr zählen als das Gefühl. Leere Rituale, vollzogen von einem unscheinbaren König, erfüllen diese von Erwartungen in ein Korsett gezwungene Welt. Sichtbarstes Opfer ist die Infantin.

Musik und Inszenierung

Den Gegensatz der Welten aber könnte eine Inszenierung auch in zwei Bildsprachen übersetzen. Plakativ gesagt: in die warme Welt der Liebenden und in die kalte ihrer Väter. In Guy Joostens Inszenierung freilich sieht man vor allem letztere, während erstere uns in der Musik begegnet.

Sowohl der Musik wie dem Libretto mangelt es ein wenig an dramatischer Kraft. Das muss aber kein Hindernis sein. Das hat vor vier Jahren am selben Ort Carlos Wagner mit seiner lebhaft-farbigen Inszenierung von Hector Berlioz' «La damnation de Faust» gezeigt.