Die Wahrheit ist anstrengend

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Filmbesprechung Der Prozess hat vor 17 Jahren grosses Aufsehen erregt: Der britische Holocaust-Leugner David Irving verklagte Deborah E. Lipstadt wegen Verleumdung. Die renommierte US-Historikerin hatte 1993 in ihrem Buch «Betrifft: Das Leugnen des Holocaust» David Irving als Rassisten, Antisemiten und Holocaust-Leugner bezeichnet. Die britische Gerichtsbarkeit stellte die Historikerin vor eine für sie unfassbare Aufgabe. Als Angeklagte musste sie in London beweisen, dass ihre Behauptungen wahr sind. Sie musste nicht nur Irvings absurde Behauptungen widerlegen, es habe in Auschwitz keine Gaskammern gegeben; Ziel ihrer Anwälte war es, zu beweisen, dass Irvings Thesen willentlich falsch waren.

Regisseur Mick Jackson inszeniert das Gerichtsdrama konventionell, mit impressionistischen Szenen über die langen Vorbereitungen und den mehrwöchigen Prozessverlauf. Die Stärke von «Denial» ist neben den überzeugenden Darstellern das Drehbuch des britischen Dramatikers David Hare. Aus den komplexen juristischen Sachverhalten und den Strategien, die Lipstadts Anwälte verfolgen, destilliert er ein fesselndes, kluges Drama. Ein zentraler Punkt darin ist unter anderem, dass die Anwälte weder Lipstadt noch Holocaust-Überlebende beim Prozess in den Zeugenstand rufen lassen wollen, um Irving nicht die Ge­legenheit zu bieten, sie zu de­mütigen.

In Zeiten von «Fake News» und «alternativen Fakten» erweist sich «Denial» als unerwartet aktuell; seine eigentliche Brisanz steckt in der Schilderung, wie anstrengend, aufwendig und herausfordernd es sein kann, blosse Behauptungen, Verdrehungen und Lügen als falsch zu belegen. Rachel Weisz hat die schwierige Aufgabe, in der Rolle von Deborah Lipstadt während des Prozesses schweigen zu müssen. Dennoch gelingen ihr bewegende Szenen, insbesondere in den Begegnungen mit Kronanwalt Richard Rampton, den Tom Wilkinson brillant verkörpert. Timothy Spall meistert die Herausforderung, den selbstgefälligen, arroganten Irving so zu spielen, dass sein Charakter deutlich wird, ihm aber keine unnötige Aufmerksamkeit zukommt. (as)

Ab Do im Kinok, St. Gallen, und im Cinewil, Wil, weitere Kinos folgen.