Die vielen Gesichter der Emmy

Zu den schillerndsten Persönlichkeiten von Zürich Dada gehörte Emmy Hennings. Zusammen mit Hugo Ball gründete sie das Cabaret Voltaire. Sie sang, tanzte und dichtete und begeisterte mit ihren Auftritten das Publikum. Dennoch blieb Dada in ihrem Leben nur eine flüchtige Episode.

Christina Genova
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Emmy Hennings 1916 mit einer ihrer selbstgefertigten Puppen. (Bild: Schweizerisches Literaturarchiv SLA, Bern)

Emmy Hennings 1916 mit einer ihrer selbstgefertigten Puppen. (Bild: Schweizerisches Literaturarchiv SLA, Bern)

Emmy Hennings hat viele Rollen: Sie ist Mutter, Morphinistin und Muse. Gelegenheitsprostituierte, Literatin und Kabarettistin. Und das Herz von Zürich Dada. «Es ist ganz unmöglich, dies Leben auf eine rationale Formel zu bringen», schreibt Hermann Hesse über Emmy Hennings, die dem Schriftsteller in ihren Tessiner Jahren eng verbunden ist.

«Stern des Cabaret Voltaire» nennt sie die «Zürcher Post. «Ihre Darbietungen, so improvisiert und unvollkommen sie auch waren, schlugen die Zuschauer unmittelbar in ihren Bann, ihre Aura verzauberte alle, damals wie heute», schreiben Christa Baumberger und Nicola Behrmann in ihrem neuen Buch «Emmy Hennings Dada». Und in der Erinnerung des Dadaisten Richard Huelsenbeck hing die Zukunft des Cabaret Voltaire gar von «ihrem Erfolg oder Misserfolg als Sängerin» ab.

Emmy singt, tanzt und schreibt

Eine klassische Schönheit ist Emmy Hennings nicht, aber ihr ausdrucksstarkes Gesicht ist ungemein wandlungsfähig. Die blonden Haare trägt sie kurzgeschnitten. Kein Wunder, dass Emmy Hennings im Cabaret Voltaire brilliert: Sie ist zehn Jahre als Schauspielerin und Sängerin durch Deutschland getingelt. Verdient sie damit zu wenig oder verschlingt der Konsum von Morphium zu viel Geld, verkauft sie notfalls ihren Körper.

Im Cabaret Voltaire singt Emmy Hennings Chansons und Volkslieder und trägt Simultangedichte vor, die mehrsprachig und mehrstimmig gesungen, gesprochen und geflüstert werden. Der Schriftsteller Friedrich Glauser, einer der wenigen Schweizer Dadaisten, ist einer ihrer Bühnenpartner. Sie tanzt auch und schreibt expressionistische Gedichte und Kurzprosatexte. Diese erscheinen verstreut in Zeitungen und Zeitschriften. Hennings tippt sie auch auf dünnes Papier und bastelt daraus kleine Hefte. Diese verkauft sie für wenige Rappen in Cabarets. 1918 veröffentlicht sie den Roman «Gefängnis».

Wenig schmeichelhaft beurteilen in der Rückschau manche Dada-Kollegen Hennings' Auftritte. Hans Richter gesteht ihnen zwar eine «höchst notwendige Note» zu, kritisiert aber, dass ihre «Vorträge weder stimmlich noch vortragsmässig im herkömmlichen Sinne künstlerisch gewesen seien». Viele Dadaisten seien Patriarchen geblieben – trotz ihrer Rebellion gegen künstlerische und gesellschaftliche Konventionen, kommentiert die Kulturwissenschafterin Ina Boesch diese widersprüchliche Haltung.

In Zürich nicht willkommen

Hennings stammt als eine der wenigen Dadaistinnen nicht aus der Ober- oder Mittelschicht. Sie wächst im deutschen Flensburg als Tochter eines Seemanns auf und heiratet früh. Die Tochter Annemarie, die bei der Grossmutter lebt, holt sie 1916 nach Zürich. Am 29. Mai 1915 treffen Emmy Hennings und der Theatermacher Hugo Ball von Berlin her kommend in Zürich ein. «Für ihre Umwelt sind sie ein wunderliches Paar», schreibt Bärbel Reetz, die eine Biographie über die beiden verfasst hat. Schon bei ihrer Ankunft stellen Hennings und Ball fest, dass sie in Zürich keineswegs willkommen sind. Bei Bruder Otto Ball können sie nicht unterkommen. So beziehen sie vorerst ein billiges Zimmer im Hotel Weisses Kreuz im Niederdorf. Doch es ist schwierig, Arbeit zu finden. «Die kleine Geldsumme, die wir mitgebracht hatten, war bald verbraucht. Wir verkauften Kleider, Bücher, Ring, Uhr, alles, was wir hatten, und gerieten in kürzester Zeit in eine Verlegenheit, die nicht überboten werden kann», schreibt Emmy Hennings. Das Paar zieht vom billigen Hotel in noch billigere Untermietzimmer. Schon bald ist Emmy Hennings wieder in ihrem alten Teufelskreis gefangen: Geldnot, Gelegenheitsprostitution, Morphiumsucht. Endlich rettet das Paar ein Engagement beim Maxim-Ensemble, einem kleinen Varieté, aus den prekären Verhältnissen. Sie schmieden Pläne für ein literarisches Cabaret, das sie am 5. Februar als «Künstlerkneipe Voltaire» eröffnen. Ein Jahr später gründen Hugo Ball und Tristan Tzara die Galerie Dada an der Zürcher Bahnhofstrasse, Emmy Hennings tritt dort an mehreren Soireen auf. Bereits im Juni wird sie wieder liquidiert. Vermutlich ist Emmy Hennings die einzige Dada-Künstlerin, die in der Galerie Dada etwas verkauft. Es sind selbstgemachte Puppen, die sie auch bei Auftritten im Cabaret Voltaire verwendet hat; keine davon ist erhalten.

Schluss mit Dada

Nur ein Jahr nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire distanzierten sich Emmy Hennings und Hugo Ball von der Zürcher Dada-Bewegung. 1920 heiraten sie; das Paar lebt im Südtessin, schreibt und setzt sich intensiv mit dem Katholizismus auseinander. Nach dem Tode Balls 1927 kümmert sich Emmy Hennings um seinen Nachlass und versucht, als Schriftstellerin zu überleben. Immer wieder plagen sie Geldsorgen. Zu ihrem kleinen Tessiner Freundeskreis gehören Hermann und Ninon Hesse und die St. Galler Künstlerin Maria Geroe-Tobler. Auch mit den Dadaisten Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp bleibt Hennings eng verbunden.

Für die meisten ihrer männlichen Kollegen wird Dada zum zentralen Ereignis ihres Lebens. Für Emmy Hennings ist es allenfalls eine flüchtige Episode: «Sie war der einzigartige Mittelpunkt der Dada-Gruppe, aber ohne Anspruch auf eine Geschichte oder Genealogie zu erheben», schreiben Christa Baumberger und Nicola Behrmann.

Christa Baumberger, Nicola Behrmann: Emmy Hennings Dada. Scheidegger & Spiess 2015, 263 S., Fr. 49.– Bärbel Reetz: Das Paradies war für uns. Insel 2015, 477 S., Fr. 24.50 Ina Boesch (Hg.): Wie Frauen Dada prägten. Scheidegger & Spiess 2015, 164 S., Fr. 29.–

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