Die vielen Blautöne von Liebe, Freiheit, Sehnsucht

ST. GALLEN. Spätabends ist die Zeit für zärtliche Bekenntnisse.

Bettina Kugler
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ST. GALLEN. Spätabends ist die Zeit für zärtliche Bekenntnisse. In «Back to Blue», der ungemein persönlichen Hommage an Joni Mitchell am Freitagabend in der Lokremise, zogen sie sich als roter Faden durchs Programm: Wenn die sechs Musiker am Mikro moderierten und wenn sie sich Lieder wie «A Case of You» oder «All I Want» zu eigen machten. Wer gerade nicht mitspielte, sass auf dem schwarzen Sofa, hörte versonnen zu – ein Abend unter Freunden, der viel Publikum anzog. Es brauchte etliche Stühle mehr als angenommen.

Jonis Höhenflüge und Blues

Die Arrangements von Gregory Gates lassen Mitchells Welt variantenreich aufblühen: die weiten Melodiebögen über federnden Rhythmen, die Höhenflüge ihrer Stimme, die Sprünge und kreativen Harmonien. Das war immer schon mehr als eingängiger Folk, an diesem Abend war es subtile Kammermusik mit Feeling. Claude Diallo, der fabelhafte Mann am Klavier, rollt Sängerin Evelyn Pollock den fein gewebten Teppich aus für die vielen Schattierungen von Blau: jenem Sehnsuchtston, in dem Verletzlichkeit und Wunschbilder in Joni Mitchells Songs zusammenfliessen. Etwa in «River», wenn sie den Weihnachtsblues besingt – so himmeltraurig kann ein Zitat von «Jingle Bells» klingen. Diallo weiss, in welchen Fussstapfen er sich bewegt; Joni Mitchell spielte mit Jazzgrössen wie Charles Mingus, Wayne Shorter und Jaco Pastorius.

Back to America

Für Evelyn Pollock ist es ein berührender Auftritt: eine Verbindung zu ihrer Jugend in Amerika, zugleich ihr Abschied von St. Gallen, ihr letztes Solokonzert hier. Nicht mit Belcanto, brillanten Spitzentönen und Koloraturen, sondern sanft, verspielt, mit Gebrauchsspuren des Lebens in der Stimme. Den Sehnsuchtston grundiert Rosemary Yiameos mit Oboe und Englischhorn; Gregory Gates und Bratschistin Juliet Shaxton spielen con sordino, in Flageoletts, manchmal mit kleinen Glissandi. Karl Schimke erdet sacht und verschmitzt, wenn er mitspielen darf. Ganz zum Schluss kommt auch noch die Akustikgitarre zum Einsatz. Man hätte bis zum Morgengrauen weiterschwelgen können.

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