«Die Vernunft wird siegen»

Dieter Meier Künstler, Unternehmer, Weltbürger, Intellektueller, Freigeist, Anarchist: Dieter «Yello» Meier gehört zu den auffälligsten und umtriebigsten Persönlichkeiten der Schweiz und ist erklärter Gegner der SVP. Morgen spricht er am Networking-Tag der Fachhochschule St. Gallen über Leben und Karriere. Philippe Reichen

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Ein Dandy alter Schule: Dieter Meier schreibt noch heute auf Schreibmaschinen, trägt Foulard und Schnauz. Die Zigarren liegen in Griffnähe. (Bild: Urs Jaudas)

Ein Dandy alter Schule: Dieter Meier schreibt noch heute auf Schreibmaschinen, trägt Foulard und Schnauz. Die Zigarren liegen in Griffnähe. (Bild: Urs Jaudas)

Gespräche mit Dieter Meier sind eine Herausforderung. Redet er, überschlagen sich seine Gedanken; wird er unterbrochen, muss sein Gegenüber entweder eine gute Frage stellen oder ein unumstössliches Gegenargument haben. Nur eines Harmoniebedürfnisses oder der Verbrüderung wegen lässt der Zürcher nicht vom Reden ab. Also sagt er nie einfach mal «Ja», wo er «Nein» sagen will. Er fragt nach, disputiert, treibt in die Enge, drückt aufs Sprechtempo und fordert Präzision, wie ein Professor in einer mündlichen Prüfung. Und er zeigt sich reizbar.

Wie politisch ist dieser Dieter Meier, heute 66 Jahre alt, eigentlich? Was denkt der Weltbürger, der abwechselnd in Zürich, Los Angeles, Argentinien und Ibiza lebt, über die kleine Schweiz, seine Heimat, aus der heraus er als Teil des Elektro-Pop-Duos «Yello» in den 1980er-Jahren Weltruhm erlangte?

Politik soll Dienstleister sein

Zunächst gefällt ihm – ganz Demokrat –, dass die Politik hierzulande nicht zu viel Macht, der Bürger also auch etwas zu sagen hat. Das Geheimnis liege im Föderalismus, sagt Meier.

Trotzdem: Dem Bild des «Politikers als Dienstleister», dem der Zürcher anhängt, traut er selbst in der von ihm gelobten Schweiz nicht wirklich. Er fordert Transparenz. Etwa dahingehend, dass Parteien offenlegen müssen, woher sie ihr Geld haben. Also auch eine Art Machtbeschränkung für Wohlhabende, die mit ihrem Geld die Parteienpolitik beeinflussen.

Die Linke würde ihm dafür applaudieren. Doch ein bekennender Linker ist Dieter Meier nicht. Vielleicht nicht mehr. Aber ein Rechter schon gar nicht.

SVP spielt mit Ängsten

Das SVP-Wahlkampfplakat «Kosovaren schlitzen Schweizer auf» kennt Dieter Meier zum Zeitpunkt des Gesprächs noch nicht. Sonst würde er in diesem Moment wohl toben. So bleibt es bei der Frage «Wie nehmen Sie die Politik der SVP und ihren Einfluss auf die Schweiz wahr?» bei einer Tirade. Meier schlägt mit der Faust auf den Tisch, so heftig, dass die Wassergläser klappern.

Die SVP nennt er «eine Volksverhetzungspartei», die durch «verantwortungsloses Stammtischgepolter» auffalle, sich «austauschbarer, rein populistischer Themen» bediene und die Angst der Leute brauche, um Fremdenhass und Religionshass zu schüren. «Das Minarettverbot ist ein Irrsinn, die Ausschaffungs-Initiative wirtschaftsfeindlich und nicht nachhaltig», sagt Meier. Er bleibt zuversichtlich, auch mit Blick auf diese Wahlen im Herbst: «Die Schweizer sind nur kurzfristig und partiell verführbar. Die Vernunft der Schweizer wird siegen.» Mit Vernunft meint Meier aber auch, dass die Schweiz der EU nicht beitreten soll. «Da gehören wir nicht hin.»

Farmer und Sänger

Das Treffen mit Dieter Meier findet in einem Künstleratelier im Zürcher Seefeld, wo er sich temporär als Untermieter einer Werbeagentur eingerichtet hat, statt. Der Raum ist Büro, Loft und Studio in einem. Meiers Tätigkeiten sind weit verzweigt. Als Unternehmer ist er aktuell an einem Technologieunternehmen im Silicon Valley beteiligt, das digitale Mischpulte für die Filmproduktion herstellt; in Argentinien lässt er Rinder und Schafe züchten, produziert Weine und baut Biogemüse an und möchte in einem neuen Projekt aus dem Fluss Rio Negro heraus weite Landstriche bewässern und fruchtbar machen. Damit nicht genug: Er ist Teilhaber eines Schweizer Uhrenunternehmens und betreibt das Zürcher Restaurant Bärengasse. Und auch die Kunst kommt nicht zu kurz: Jüngst war er als Sänger für ein Singer-Songwriter-Projekt mit dem Gitarristen Nicolas Rüttimann und dem Violinisten Tobias Preisig im Tonstudio. In diesem Monat erscheint zudem sein neues Kinderbuch «Oskar Tiger».

Nie das grosse Geld im Blick

Dieter Meier, der Rechtswissenschaften studiert hat, stammt aus einer begüterten Familie. Sein Vater war Bankier und am Ende seiner Karriere Direktor eines Zürcher Geldinstituts. Finanzen standen dem Sohn beim Aufbau seiner Karriere zur Seite, aber ohne Neugier, Kreativität, Tatendrang und Leidenschaft wäre er nicht da, wo er heute ist. Dieter Meier sagt, dem grossen Geld sei er bei keinem seiner Projekte nachgestiegen, das tut er auch heute nicht. Vor allem aber, das sei vielleicht sein grösstes Geheimnis, habe er nie Angst zu scheitern. Was scheitern bedeutet, weiss der sonst so erfolgreiche Zürcher genau. Mit seinem ambitionierten Filmprojekt «The Lightmaker», einer modernen Orpheus-Geschichte, scheiterte er auf höchstem Niveau. Zunächst zerstörte ein deutsches Labor das Negativ des Filmes. Meier verlor sieben bis acht Jahre in Gerichtsprozessen und schnitt, ganz Perfektionist, den Film drei- bis viermal um. 2001 zeigte er den Film an der Berlinale ein erstes Mal, 2009 stand er auf dem Programm des Zurich Film Festivals. Am Ende kapitulierte Meier. Er gestand sich ein, «dass der Funke einfach nicht von der Leinwand ins Publikum springen will und das Werk als Publikumsfilm im Kino nicht funktioniert».

Meiers «Dinge» im Museum

Auch der Zukunftsmensch Meier muss zurückblicken. Vor allem dann, wenn ihn andere dazu drängen. Die Hamburger Deichtorhallen widmen ihm unter dem Titel «Works 1969–2011 and the Yello Years» (noch bis zum 11. September) eine umfassende Retrospektive. Die letzte grosse Einzelausstellung erlebte er 1976 im Kunsthaus Zürich. Und was empfindet Dieter Meier dabei? «Meine Dinge im Museum zu sehen, schmeichelt mir», sagt er.

St. Galler Networking-Tag, morgen Freitag, ab 13 Uhr, Olma-Hallen 9.1.2 und 9.2. Anmeldung und Informationen unter: mail@networkingtag.ch

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