Die verleugnete Tochter

Richard Wagner hat drei Kinder gehabt, aber nur eines – den Sohn Siegfried – als sein eigenes anerkannt. Am Streit um die Tochter Isolde hat sich dann eine grosse weltanschauliche Kontroverse entzündet. Die Spuren dieses Streits führen in die Schweiz – unter anderem nach St. Gallen.

Rolf App
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Isolde und Franz Philipp Beidler mit dem Sohn Franz Wilhelm um 1906. (Bild aus: Naegele/Ehrismann: Die Beidlers)

Isolde und Franz Philipp Beidler mit dem Sohn Franz Wilhelm um 1906. (Bild aus: Naegele/Ehrismann: Die Beidlers)

Am 20. Dezember 1900 heiraten in Bayreuth Isolde Wagner und der Dirigent Franz Philipp Beidler. Die Hochzeit wird auch im Bürgerregister der Stadt St. Gallen vermerkt. Beidler stammt mütterlicherseits von der St. Galler Apothekerfamilie Hausmann ab, er hat hier Primar- und Mittelschule besucht. Der Klavierlehrer legte den Grundstein für Beidlers besonderes Talent: die Musik.

«Isolde Freiin von Bülow»

Mit der Hochzeit wird auch Isolde Schweizer Bürgerin, im Register erfasst wird sie als «Isolde Ludwica Freiin von Bülow», was durchaus verwirren kann. Denn zeit ihres unglücklichen Lebens wird sie sich als Tochter Richard Wagners bezeichnen – mit gutem Grund, wie ein soeben erschienenes Buch (siehe Kasten) über «die Beidlers» nachweist. Allerdings führt die Namensfrage mitten hinein in ein familiäres Desaster, das über zwei Generationen andauert und an Bösartigkeit zeitweise durchaus jenen Ränkespielen ähnelt, die Richard Wagner in seinem Opern-Epos «Der Ring des Nibelungen» erzählt hat.

Seinen Anfang nimmt das Ganze 1864. König Ludwig II. hat Wagner gerade aus seiner schlimmsten finanziellen Klemme gerettet und nach Bayern geholt, da taucht Cosima von Bülow auf. Sie ist die Frau des Dirigenten Hans von Bülow und verliebt sich aus dem Stand in den Komponisten. Als der gehörnte Ehemann eintrifft, überrascht er die beiden, schlägt wie ein Wahnsinniger um sich, schreit, ja brüllt. So berichtet es das Diener-Ehepaar.

Die Dreiecksbeziehung geht noch ein paar Jahre weiter. 1866 flüchtet Wagner vor seinen bayrischen Kritikern nach Tribschen bei Luzern – in eine idyllische Villa, in der sich wenig Idyllisches abspielt. Noch in München wird mit Isolde ein erstes Mädchen geboren, 1867 folgt Eva, 1869 Siegfried. Mit dessen Eintrag ins Taufregister warten die Eltern mehr als ein Jahr: In der Zwischenzeit leitet Cosima die Scheidung von Hans von Bülow ein und heiratet in aller Eile ihren Richard.

Wagners Kinder?

Wessen Kinder sind aber nun Isolde und Eva? Briefe, Tagebucheintragungen und weitere Materialien belegen: Sie sind Wagners Töchter. Doch niemand darf es wissen. Aus zwei Gründen: König Ludwig II. hat sich gegen entsprechende Gerüchte öffentlich für Wagners Ehre verbürgt. Und: Richard und Cosima wollen die Erbfolge sichern. Siegfried soll Bayreuth übernehmen, sobald er in der Lage ist, zwei Schwestern können da nur stören. Als Richard Wagner 1883 stirbt, stellt deshalb zwar die offizielle Todesanzeige fest, er hinterlasse «drei minderjährige Kinder Isolde, Eva u. Siegfried». Aber schon sechs Wochen später legt das Amtsgericht Bayreuth fest, Wagners Erbe gehe an seine Frau und Sohn Siegfried.

Zu wenig unterwürfig

Isolde erfährt freundlicherweise nichts davon. Ihr Mann macht bei den Festspielen Karriere, bis er 1906 Krach bekommt mit der Schwiegermutter. Er lässt es gegenüber ihr und Wagners Sohn an der nötigen Unterwürfigkeit fehlen. Und er wagt es, den «Parsifal» auch anderswo aufzuführen als in Bayreuth. Also verstösst Cosima ihn und seine Frau. Siegfried unterbindet jede Versöhnung, die immer verbittertere Isolde begibt sich auf den Kriegspfad. Journalisten aller Herren Länder sind anwesend, als es am 17. April 1914 vor Gericht zum Showdown kommt. Isolde will als Richard Wagners Tochter anerkannt werden – auch im Namen ihres 13jährigen Sohnes Franz Wilhelm Beidler.

Isolde scheitert und stirbt

Die «Wahrheit» aus Linz nennt das Ganze einen «stinkenden Prozess» um die «Ausbreitung der Bettlaken» Richard Wagners und meint kurz und bündig: «Pfui Teufel!» Das Gericht weist die Klage ab, und bevor Isolde Beidler Einspruch erheben kann, bricht der Erste Weltkrieg aus. Isolde wird krank, 1919 stirbt sie. Ihr Mann hat sich da schon lange von ihr getrennt. Bayreuth hat gesiegt.

Der zweite Teil des Kampfs

Oder doch nicht? Nun nämlich beginnt der zweite Teil des grossen Machtkampfs – zwischen dem jungen Franz Wilhelm Beidler auf der einen, Cosima, Siegfried und Winifred Wagner auf der andern Seite. Cosima ist steinalt, sie stirbt 1930 93jährig – und kurz danach Siegfried, ihr Sohn. In Winifred, Siegfrieds Frau, findet Bayreuth eine neue Regentin, die gut in die Zeit passt: Seit Jahren ist sie mit Hitler befreundet, die schon früher begonnene Umdeutung von Wagners Werken ins Rechtsextreme, Völkische hinein ist da schon voll im Gang. Bayreuth wird zum Wallfahrtsort der Nazis.

Franz Wilhelm Beidler macht einen interessanten Weg. Zunächst nähert er sich den Bayreuthern an. Dann heiratet er eine Jüdin und taucht ein ins kulturelle Leben von Berlin. Er wendet sich nach links, arbeitet in der Kulturpolitik, wird zum glühenden Verfechter des Revolutionärs Wagner – dessen Werke in der auf breite Volksbildung ausgerichteten Berliner Kroll-Oper aufregende Neudeutungen erfahren. Die rechte Presse schreit auf, der Richard-Wagner-Verband deutscher Frauen protestiert gegen einen «Fliegenden Holländer», der sich gewaschen hat.

Ein letzter Anlauf

Dann kommt Hitler an die Macht. Franz Wilhelm Beidler nimmt seinen Schweizer Pass hervor und reist 1934 über seine Heimat zuerst nach Paris, dann zurück nach Zürich. Wo er Sekretär des Schweizerischen Schriftstellerverbands wird und 1981 80jährig stirbt.

Noch einmal tritt Bayreuth in sein Leben – 1945. Man bittet ihn um ein Konzept für «neue» Festspiele und will auch seine politisch unbelastete Verwandte Friedelind einbeziehen. Er wittert seine Chance, doch die Familie weiss seine Vorschläge zu torpedieren. Im Intrigieren ist man bei Wagners stets spitze gewesen.