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Interview

Die Unterhaltung hört nie auf: Schweizer Dokfilmer zeigt Lebensabend im Überfluss

Beat Oswald hat einen Dokfilm über eine der exklusivsten Seniorenresidenzen der Welt gedreht. In «Golden Age» erfasst er einen vergänglichen und einzigartigen Moment der westlichen Kultur.
Irene Genhart
Aerobic in feinem Ambiente: Architektonisches Vorbild des «Palace» ist das Hotel St.Georges in Paris, welches sich wiederum an Versailles anlehnt. (Bild: First Hand FIlms)

Aerobic in feinem Ambiente: Architektonisches Vorbild des «Palace» ist das Hotel St.Georges in Paris, welches sich wiederum an Versailles anlehnt. (Bild: First Hand FIlms)

Wir sitzen im Café der Zürcher Hochschule der Künste. Wieso haben Sie diesen Treffpunkt vorgeschlagen?

Beat Oswald: Das war reine Logistik: Ich habe hier nachher eine Arbeitssitzung für einen Auftragsfilm. Ich kann den Lebensunterhalt für meine fünfköpfige Familie (noch) nicht mit Dokumentarfilmen verdienen.

Wohnhaft sind Sie aber im Thurgau?

Ich bin in Frauenfeld geboren, in Aadorf aufgewachsen und wohne heute mit meiner Frau und unseren drei Kindern in Frauenfeld.

«Golden Age», Ihren ersten langen Film, haben Sie in Florida gedreht. Wie kam es dazu?

Durch meine Familie: Der Lebenspartner meiner Mutter hatte in Florida ein Haus und war früher oft geschäftlich in Florida. Dank ihm konnte ich am College von Fort Myers ein Austauschjahr absolvieren. Dabei lernte ich seine Kollegen kennen, unter ihnen ein älteres Paar, das in eine Altersresidenz zog.

Filmemacher Beat Oswald (Bild: Florian Schweer)

Filmemacher Beat Oswald (Bild: Florian Schweer)

Was hat Sie gereizt, eines der luxuriösesten Altersheime der Welt zu porträtieren?

Verschiedenes. Zum einen begann ich nach der Geburt meines ältesten Sohnes über die längeren Horizonte des Lebens nachzudenken. In der Generation meiner Eltern verlief alles klassisch. Der Vater verdient, die Mutter bleibt zu Hause, nach der Pensionierung hat man Zeit: Der produktiven Phase folgt die Phase der Konsumation. Die derzeitigen Entwicklungen deuten darauf hin, dass das zukünftig anders sein wird: «Golden Age» erfasst somit einen vergänglichen und einzigartigen Moment der westlichen Kultur. Ein anderer Aspekt ist der Spassfaktor. Meine Generation rennt im Alter von 20, 30 Jahren der pausenlosen Unterhaltung nach. Im «Palace» hört diese Unterhaltung nie auf. Hier können wir beobachten, wie es wirkt, wenn sich 80-Jährige wie Junge verhalten und daraus Rückschlüsse ziehen.

Wie sind Sie auf das «Palace» gekommen?

Wir haben fünf Residenzen mit unterschiedlichen Konzepten angeschaut und schliesslich auf das damalige Nonplusultra gesetzt: das «Palace» in Color Gables, Florida, von Helen und Jacob Shaham. Den Ausschlag gab zum einen die Ästhetik: Das «Palace» ist sehr fotogen; wo man die Kamera aufstellt, bekommt man ein perfektes Bild. Wichtig waren aber auch die Protagonisten: Unterhaltungsdirektorin Pam strotzt vor Energie, die Besitzer sind integre Persönlichkeiten.

Das Palace ist auch architektonisch faszinierend.

Sein Vorbild ist das Hotel St. Georges in Paris, das sich seinerseits an Versailles anlehnt. Helen Shaham gefällt dieser Stil, sie hat jedes Detail selber bestimmt.

Ihr Film schildert eine Wohnform zwischen Luxusferien und exklusivem Kuraufenthalt, wirft einen Blick auf Betriebliches und streift im Gespräch das Anliegen der Betreiber, damit gutes Geld zu verdienen.

Wir haben bewusst keinen Film über diese Leute gedreht, sondern versucht, die emotionale Kraft dieses Ortes einzufangen, an dem es von allem zu viel gibt: zu viel Geld, zu viel Alkohol, zu viele Pillen, zu viel Dekoration.

Es gibt in «Golden Age» Szenen –Interviews – in denen die Kamera offensichtlich wahrgenommen wurde. Es gibt aber auch beobachtenden Momente, wo die Protagonisten die Kamera zu vergessen scheinen. Wie haben Sie gedreht?

Wir – Kameramann Samuel Weniger und ich am Ton – waren während dreier Monate jeden Tag im «Palace» und wurden Teil des im Hause herrschenden Konzepts: Ein Filmteam vor Ort verspricht den Insassen Aufmerksamkeit, was viele fast zu stark zu nutzen versuchten. Während der «Happy Hours» konnten wir frei beobachten. Inszeniert hingegen ist eine Szene, die man als beobachtend wahrnimmt: den Mann, der sich stundenlang im Pool treiben lässt.

Szenenbild aus «Golden Age»: Auch da, wo alles im Überfluss vorhanden ist, bleibt Altern eine persönliche Herausforderung. (Bild: First Hand Films)

Szenenbild aus «Golden Age»: Auch da, wo alles im Überfluss vorhanden ist, bleibt Altern eine persönliche Herausforderung. (Bild: First Hand Films)

«Golden Age» erinnert an die Institutionsporträts von Frederik Wiseman. Haben Sie Vorbilder?

Tatsächlich gaben mir Frederik Wisemans Schilderungen darüber, wie er Filme dreht, grosse Sicherheit.

Haben Sie beim Dreh von «Golden Age» nicht auch Überraschendes erlebt?

Vieles. Sehr berührend war, als wir zwei Jahre nach Drehschluss den Film im «Palace» vorführten. Einige Personen, die man im Film sieht, sind inzwischen verstorben. Für die Hinterbliebenen war es eine höchst emotionale Wiederbegegnung.

Haben Sie aus dieser Arbeit Erkenntnis gewonnen?

Ja, vor allem auf persönlicher Ebene. Es ist eine grosse Herausforderung, künstlerische Arbeit und damit verbundenen Lifestyle mit familiären Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Da versuche ich beim nächsten Projekt vorsichtiger vorzugehen.

Und worum wird es im nächsten Film gehen?

Um die Rückkehr des Wilden in die Schweiz. Wir suchen im Taminatal, wo sich Menschen, Natur und Wirtschaft auf kleinstem Raum miteinander arrangieren, nach Geschichten.

«Golden Age» - der Film:

Das Porträt einer der exklusivsten Seniorenresidenzen der Welt kommt deren Bewohnern so nahe wie den Angestellten und den Betreibern. Der Film zeigt beeindruckend, dass selbst da, wo alles im Überfluss vorhanden ist, das Altern eine persönliche Herausforderung bleibt. Und so wenig wie er verschweigt, dass damit Geschäfte gemacht werden, verpasst er auch nicht, universelle Fragen des Seins zu stellen. (ig)

Ab 12.9.2019 im Kino. Am Samstag 14.9. ist Filmemacher Beat Oswald für ein Filmgespräch im Cinema Luna Frauenfeld zu Gast. Am 18.9. sind Beat Oswald und Samuel Weniger im Kinok St.Gallen zu Gast.

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