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«Die Unscheinbaren» im Luzerner Theater: Gaunerkomödie gegen Vorurteile

In der Box läuft «Die Unscheinbaren» des Regisseurs Franz von Strolchen. Die «Gangsterperformance» ist spannend und vergnüglich, fährt aber nicht sehr tief ein.
Céline Graf
Gangsterboss Christian (Christian Baus) und seine Komplizen bringen dem Theaterpublikum die Kunst des Bluffs bei. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Gangsterboss Christian (Christian Baus) und seine Komplizen bringen dem Theaterpublikum die Kunst des Bluffs bei. (Bild: Ingo Höhn/PD)

«Verhaltet euch unauffällig! Tut, als ob ihr euch nicht kennt! Zerstreut euch ein bisschen! Das hier ist alles illegal.» Vor der Box, der Off-Spielstätte des Luzerner Theaters, haben jene Zuschauerinnen und Zuschauer ein Déjà-vu, die Franz von Strolchens letzte Inszenierung in Luzern gesehen haben. Wie bei Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» 2018 macht der Regisseur uns auch in seinem neuen Stück «Die Unscheinbaren» zu Komplizen einer Verbrecherbande.

Nicht Häuser von scheinheiligen Biedermännern in Flammen setzen sollen wir dieses Mal, sondern gutgläubige Passanten aufspüren, um ihnen Billigschrott aus China für ein paar Tausender als Luxusstereoanlagen zu verkaufen. Um zu lernen, wie man innert Sekunden das Vertrauen anderer Menschen erschleicht, hätten wir uns, so erklärt der Boss (Christian Baus), zu einem «Workshop» eingefunden. So ist die Box, wie wir beim Eintreten sehen, in das Hauptquartier von Betrügern verwandelt worden. Tagsüber arbeiten sie für die Lieferfirma, der das Gebäude gehört, nach 20 Uhr gehen sie ihrem «eigenen Business» nach.

Kribbeliges Gefühl

In der zur Schaltzentrale umfunktionierten Lagerhalle, wo sich die Zuschauer selbst im Raum verteilen, kommt zunächst ein kribbeliges Gefühl auf. Als seien wir mitten in einem Gangsterfilm wie dem Klassiker «Ocean's Eleven» oder der Netflix-Serie «Haus des Geldes» (Bühne: Jens Burde). Ziemlich an die filmischen Vorbilder angelehnt ist auch, dass die vierköpfige Bande aus durchaus sympathischen Underdogs zusammengewürfelt ist. Die beiden Ensemblemitglieder Christian Baus und Wiebke Kayser und die beiden Gastspieler Ivica Dimitrijevic aus Mazedonien und Natasa Stork aus Ungarn stellen sich mit ihren echten Vornamen vor.

Natasa fragt: «Wer weiss, was ein White Van Speaker Scam» ist? Stille. Dazu folgt die erste Lektion von mehreren Lektionen, die den roten Faden der Handlung bilden. Die Handlungsebene mit dem Workshop nehmen Regisseur Franz von Strolchen und Autor Christian Winkler in dieser «Gangsterperformance» zum Vorwand, aktuelle soziale Fragen zu behandeln. Dramaturg Gábor Thury fasste sie vor der Vorstellung in einer Einführung zusammen: Wie bauen wir Vertrauen zu fremden Personen auf (um sie zu betrügen)? Wie funktionieren Vorurteile und Stereotypen in einer multikulturellen Gesellschaft wie der Schweiz?

Lieferwagen-Geschichten aus Luzern

Der Schlüssel liege in der optischen Wirkung, wie uns die Gangster in Uniform beibringen. Der Unterricht beginnt historisch. Vor über 100 Jahren meinte der italienische Gerichtsmediziner Cesare Lombroso, grosse Ohren und eine flache Nase seien Anzeichen für eine «kriminelle Natur» ihrer Träger. Darüber müssen wir heute lachen. Doch in der Folge werden Zweifel gestreut. Sind wir viel weiter, wenn wir sogenannte «Balkan»-Gesichter mit Kriminalität assoziieren? Oder wenn wir die Fahrer weisser Lieferwagen verdächtiger finden als andere? Diesem ursprünglich britischen Stereotyp, wonach einem «White Van Man», meist ein Handwerker, schlechte Manieren und dubiose Geschäfte zugeschrieben werden, ist der Fotograf Mischa Christen im Auftrag der Theatermacher in Luzern nachgegangen.

Aus seinen Interviews setzen sich die Geschichten der vier Protagonisten auf der Bühne zusammen. Über Videoepisoden, die sie in einem Raum hinter dem Rücken des Publikums live filmen, fliessen die echten Erzählungen ein, die Christen in der Stadt und Agglomeration Luzern gesammelt hat. Zudem werden Fotos der Interviewten mitsamt ihren Autos an die Wand projiziert. Die vier Schauspieler aus West- und Osteuropa spielen sozusagen am lebendigen Exempel reflektiert mit kulturellen Klischees, Fiktion und Dokumentation. Es sind diese mehrschichtigen Szenen, stimmungsvoll getragen auch vom Livemusiker Amadeus Fries an Schlagzeug und Synthie, die in «Die Unscheinbaren» am spannendsten sind.

Zu schnell verpufft

Das löst aber das Dilemma dieser Inszenierung nicht. Emotionale Ausbrüche und Konflikte zwischen den Protagonisten verpuffen zu schnell, bevor sie einen tieferen Eindruck hinterlassen können. Denn das Publikum muss gleichzeitig stets animiert werden, schliesslich spielt es ja mit. Zwar wird nebenbei elegant demonstriert, wie die Lektion Vertrauensbildung in der Praxis aussieht, wenn anfangs eingeschüchterte Zuschauer später freiwillig auf der Bühne tanzen. Doch das Beklemmungspotential mancher Szenen wird nicht genügend genutzt. Selbst bei einem Todesfall reagieren wir so wenig betroffen, als sähen wir eine Gaunerkomödie.

Nächste Vorstellung im Luzerner Theater, Spielstätte Box: Freitag, 3. Mai, 20 Uhr. «Die Unscheinbaren» (ca. 100 Minuten, ohne Pause) läuft bis am 26. Mai.

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