Die Überlebenden des Grunge: Rockband Pearl Jam veröffentlicht neues Album

Dreissig Jahre nach ihrer Gründung in Seattle zeigt die Rockband Pearl Jam auf ihrem elften Studioalbum «Gigaton» ihre ganze Klasse.

Olaf Neumannn
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Pearl Jam mit Sänger Eddie Vedder im Vordergrund.

Pearl Jam mit Sänger Eddie Vedder im Vordergrund.

Bild: Danny Clinch

Als Pearl Jam 1990 von Sänger Eddie Vedder, den Gitarristen Stone Gossard und Mike McCready sowie Bassist Jeff Ament gegründet wurde, war Seattle eine finstere Metropole ohne Zukunft. Es blieb jungen Menschen eigentlich nichts als die Musik und eine Menge Wut und Energie. Die Band wurde mit Nirvana und Soundgarden prägend für Grunge, ihr Album «Ten» (1991) zu einem Klassiker des Rock und der charismatische Eddie Vedder zu einem der bedeutendsten Sänger im Rockgeschäft.

Pearl Jam haben 85 Millionen Tonträger verkauft und wurden 2016 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Sie sind die letzten Überlebenden des Grunge. Erfolg macht behäbig und träge, sagt man. So ist auch bei Pearl Jam der zeitliche Abstand zwischen den Studio­alben auf sieben Jahre angewachsen. Schon öfter hat die konditionsstarke Truppe den Versuch unternommen, neue Ausdrucksformen auf dem Gebiet des Rock zu finden. Meist scheiterten sie dabei an ihrer eigenen Vergangenheit als Pioniere des Grunge.

Fulminanter Start der ergrauten Rocker

Die Erwartungen waren auch diesmal gross. Jeff Amend selbst schürte sie: «Die Fans dürfen etwas wirklich Gutes erwarten», sagte er. Schliesslich gebe es «gerade vieles, was die Band inspiriere». Und es gebe ja auch «genügend Gründe, um angepisst zu sein». Nun ist das lang erwartete Opus «Gigaton» endlich fertig.

Das Warten hat sich gelohnt, denn Produzent Josh Evans (Soundgarden, Chris Cornell), ein Kumpel aus Seattle, schaffte es, das ewig schwelende, kreative Feuer der Band wieder zum Lodern zu bringen. Schon der fulminante Start der Platte lässt erahnen, dass die ergrauten Pearl Jammer keine Jungs von Traurigkeit sind. «Who Ever Said» ist ein treibender Rock-Song mit einem einprägsamen Thema und Eddie Vedders leidenschaftlich vorwärtstürmender Bariton-Stimme, die zuweilen an Jim Morrison erinnert.

Auch «Superblood Wolfmoon» ist so, wie coole Rock-­Nummern sein sollten: aggressiv und elektrisierend. Ein glühendes Gitarrensolo von Mike McCready macht diesen Power-­Schlager geradezu unwiderstehlich. Eher gewöhnungsbedürftig sind Soundspielereien wie bei der Singleauskopplung «Dance Of The Clairvoyants», die irgendwann stotternd zum Stillstand kommt. «Quick Escape» hingegen besticht durch einen hypnotischen Bass-Groove, der den Hörer regelrecht auf den Boden hinabzieht. Dazu erzählt Vedder von einem Roadtrip mit Schlafsack und Biwak und stellt sich die Frage, ob es noch einen Ort gibt, den Donald Trump noch nicht zerstört habe.

Eine Stimme, die unter die Haut geht

«If your heart still beats free, keep it to yourself», rät er dem Hörer in der Ballade «Alright» zu einer sich auftürmenden ­Melodie. Da ist sie wieder, diese Stimme, die sich unter die Haut raspelt und das Herz erwärmt. Das ist auch bei «Seven O’Clock» der Fall. Das langsam dahinfliessende Stück ist bei einer Jamsession entstanden und kommt ungewohnt psychedelisch mit innigem Gesang daher. Die punkige Uptempo-­Nummer «Never Destination» weckt wiederum Erinnerungen an die künstlerisch fruchtbare Ära. Damals haderte die Band mit dem wachsenden Erfolg und weigerte sich, Videoclips zu machen. Gegen Ende der Platte geht die Band runter vom Gas: Mit dem leichtfüssigen «Buckle Up» liefert Stone Gossard den Beweis, dass er noch immer traumhafte Gitarrenriffs schreiben kann.

Die letzten Songs zünden nicht auf Anhieb, warten aber mit bemerkenswerten Zeilen auf: «We could all use a saviour from human behaviour» heisst es in der akustischen Nummer «Come Then Goes». Die Band bringt jetzt zwar Abwechslung in das Album, aber es ist die Abwechslung innerhalb des Mittelmässigen. Der Rausschmeissersong «River Cross» vermag jedoch wieder zu fesseln.

Pearl Jam wären nicht Pearl Jam, wenn sie mit «Gigaton» nicht ihr Image als das gute Gewissen des Rocks pflegen würden. «Diese Platte war wie eine lange Reise», lautet Mike McCreadys offizielles pathetisches Statement. «Mit manchmal sehr konfusen und dunklen Gefühlen, aber auch mit einer spannenden und experimentellen Strecke, die uns hin zur musikalischen Erlösung führte. Diese Zusammenarbeit mit meinen geschätzten Bandkollegen hat meine Liebe und meine Empathie noch verstärkt.»

Pearl Jam: «Gigaton» (Monkeywrench Records/Universal). Erscheint am 27.3. Live: Pearl Jam haben ihre Nordamerika-Tour abgesagt. Das Konzert am 17.7. im Hallenstadion Zürich jedoch soll stattfinden.