Die Tipps von Muschg, Gomringer und Schertenleib: Was Schweizer Autoren in der Pandemie lesen


Die Tipps von Muschg, Gomringer und Schertenleib: Was Schweizer Autoren in der Pandemie lesen

Bild: Getty Images

Wir wollten von Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftstellern wissen, was sie in der derzeitigen Coronakrise lesen. Ihre Tipps sind so vielfältig wie die Schweizer Literaturszene.

Kulturredaktion CH Media
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Adolf Muschg: Wiedererkennen bei Albert Camus

Fast hätte ich gesagt: Camus’ «Die Pest» – was sonst? Der Belagerungszustand ist keine Allegorie mehr – und betrifft auch nicht mehr eine einzelne Stadt, sondern die globale Zivilisation. Aber das halbe Jahrhundert, das uns von diesem Buch trennt, ist irrelevant: der Wiedererkennungswert der «Massnahmen» bleibt überwältigend. Und wahrhaft aktuell ist der Gesichtspunkt, dass die Pest eine Normalität der menschlichen Geschichte ist. Auch dass die Illusion des Fortschritts diese Tatsache ausblendet, ist normal. Und nicht weniger der Exit-Reflex: zurück zu business as usual.

Aber Camus’ Buch hat eine Dimension mehr: die Menschen sind Teil dieser Pest und seine Charaktere zeigen sich daran, ob sie das wissen oder nicht – und wie sie sich dazu verhalten. Auf die letzten Fragen gibt es bei Camus nur eine Antwort: das Mögliche tun, wie sein Arzt Rieux, am Allernächsten, ob es hilft oder nicht, aus «Anstand» – Selbstachtung; und jeder, der leidet, ist dieser Nächste. Dabei kennt die Pest keine Heldenrolle, sie kennt auch keine Gewissheit. Dieses Buch macht den Verdacht fühlbar: die Pest ist unseresgleichen.

Ein unbekanntes Virus (damals noch ein Bakterium) begegnet einer viralen Zivilisation. Ob sie heilbar ist, ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wer sind wir? Was macht diese Einsicht aus uns? Flüchtlinge, Abwehrtechniker oder Liebende? Jede Antwort ist hoffnungslos – an diesem Nullpunkt erst beginnt die Hoffnung. Und merkwürdig: sie hat etwas Befreiendes.

Tipp:
Albert Camus: Die Pest
Roman
Rowohlt

Sein letztes Buch: Heimkehr nach Fukushima, Roman, C. H. Beck.

Ruth Schweikert: Endlich Zeit für das Ungelesene

«Mehr Raum und Zeit zum Lesen!» so mein Stossseufzer seit Jahren; kein Zufall also, dass ich in diesen Wochen zu Hause auf ungelesene Bücher stosse: «Weisses Algerien» etwa, von Assia Djebar, samt Aufkleber «Friedenspreis des deutschen Buchhandels», mit dem die vielseitig engagierte Autorin im Jahr 2000 ausgezeichnet wurde.

Vor fünf Jahren ist Assia Djebar 79-jährig in Paris gestorben – doch wie lebendig wird ihre Stimme, wie gegenwärtig, wenn man dieses Buch aufschlägt, in welchem Djebar selbst die Erinnerung an drei algerische Freunde beschwört; «flüsternde Schatten» nennt die Autorin ihre imaginären Begleiter, die überall zu ihr sprechen, im sommerhellen Paris, in San Francisco, frühmorgens oder spätabends, zwischen Wachen und Schlaf; welch wunderbares Geschenk in diesen Tagen, sich lesend neue Räume zu eröffnen.

Tipp:
Assia Djebar: Weisses Algerien
Roman
Unionsverlag

Ihr letztes Buch: Tage wie Hunde, S.-Fischer-Verlag.

Tim Krohn: Das Buch, in dem wir alle selbst vorkommen

Der Kindergarten zu, die Grosseltern quasi in Schutzhaft. Um meine Frau Micha und mich tummeln sich rund um die Uhr vier Kleinkinder zwischen sieben- und halbjährig. Da kommt man nicht wirklich zum Lesen. Ausser auf Diktat der Kinder. Dann umso lieber. Der Renner ist momentan «Lulu in der Mitte» – Kunststück, sie kommen drin vor. Wir alle kommen vor. Als nämlich unsere Zweitgeborene ihr erstes Schwesterchen bekam, litt sie.

Der Grosse war überall der Beste, die Kleine einfach nur süss. Nur, sie war weder klein noch gross, bloss immer zweite Garnitur. Wir suchten neue Bilder für sie: «Du bist der Schinken im Sandwich, die Creme in der Schnitte, das Gelbe im Ei. Du bist unsere goldene Mitte.» Das half. Und Micha machte – zusammen mit der wunderbar verspielten Zeichnerin Jacky Gleich – daraus dieses Buch.

Tipp:
Micha Friemel: Lulu in der Mitte
mit Illustrationen von Jacky Gleich
Hanser-Verlag

Sein letztes Buch: Der See der Seelen. Eine Alpensaga, Gatsby im Kampa-Verlag.

Ivna Žic: Auf inneren Reisen mit Lucia Berlin

... Emilie Pine, Notes to Self: wunderbare Essays, die in einer klaren und zugleich intimen Sprache von Familienbindungen, Erinnerungsstrukturen, Einsamkeit und Erwartungen erzählen und stets mitten in der Gesellschaft landen.

... Lucia Berlin, Welcome Home: Wir lesen über die Orte, an denen die Autorin gelebt hat, und damit von Beziehungen, von Lebensphasen, von der Welt um sie herum – in genausten Beobachtungen. Reisen mit Lucia Berlin in einer Zeit, in der Reisen unmöglich ist.

... Natascha Gangl, Das Spiel von der Einverleibung, frei nach Unica Zürn: Eine Begegnung, eine Spurensuche, ein Gespräch, ein poetisches Spiegelkabinett, eine Sprachexplosion. Mit Gangl Unica Zürn zu lesen, ist eines der aufregendsten literarischen Ereignisse dieses Frühlings!

Ihr letztes Buch: Die Nachkommende, Roman, Matthes & Seitz.

Nora Gomringer: Lyrik, die nicht müde macht – was sonst!

Eigentümlich, aber die Texte dieser verwegenen und mutigen Dichterin sind für mich echte Favoriten. Sünje Lewejohann ist nicht verschwiegen und nicht schwatzhaft im Ton, manchmal wirkt sie auf mich wie ein plauderndes Kind, mitteilsam und unverstellt, alle Dunkelheiten beim Namen nennend.

Dass wir Leser an bestimmten Stellen in ihren Texten erstarren, mitleiden, uns aufzulösen drohen, das ist Lewejohanns Kalkül, das aus Versprechen besteht, die sich erfüllen, denn sie ist ein «Wetter, das umschlägt», und damit behält sie die Kontrolle über ihr poetisches Spiel. Es ist kompliziert, zu beschreiben, was sie da macht und wie sie es schafft, aber ich werde nicht müde, sie zu lesen, und das will etwas heissen bei Lyrik.

Tipp:
Sünje Lewejohann: «die idiotische wucht deiner wimpern»
Parasitenpresse

Ihr letztes Buch: Gottesanbieterin, Gedichte (mit CD), Voland & Quist.

Hansjörg Schertenleib: Dieser Roman müsste Schullektüre sein

Ernst Augustins Buch «Der amerikanische Traum» aus dem Jahr 1989 ist mir seit vielen Jahren ein verlässlicher Begleiter, gerade in Zeiten der Verunsicherung. Es ist mir ein Rätsel, weshalb das Buch nicht längst Schullektüre ist, es liest sich spannend wie ein Thriller, verhandelt unter der Hand gleichzeitig existenzielle Fragen und führt meisterhaft vor, dass sich die verrinnende Zeit anhalten lässt – so man ein mit allen Wassern gewaschener Erzähler ist wie Augustin.

Der Beginn der Geschichte ist zugleich ihr Ende: ein elfjähriger Junge liegt 1944 in Mecklenburg im Sterben, erschossen vom Schützen eines amerikanischen Bombers, lebt aber Kraft seiner Fantasie weiter, die sich magisch und ausschweifend die Existenz eines Detektivs erfindet, bis die Täter aufgespürt, durch Amerika in die Tropen verfolgt und zur Rechenschaft gezogen sind. Ein Wunder von Buch!

Tipp:
Ernst Augustin: Der amerikanische Traum
Roman
dtv

Sein letztes Buch: Der Palast der Stille, Gatsby im Kampa- Verlag.

Meral Kureyshi: Ein Buch mit lauter Lieblingssätzen

Ich liebe «Die verschobene Stadt» des Berner Autors Christian Zehnder – die Sprache, die Begegnungen und das Schweben danach.
Meine Lieblingssätze darin:

«Felix war in flüchtigen Augenblicken zu Empfindungen fähig, die es in der Sprache der Nachrichten noch gar nicht gab.»

«In ihrem Lächeln war etwas Stilles, so wie Masken aus der Vorzeit lächeln können.»

«Wenn irgendjemand heute einen Fehler macht, geht der Fehler sofort um die ganze Welt.»

«Das Nachdenken war nicht immer angenehm, es hörte immer wieder auf.»

«Er blieb stehen, der nächste Augenblick fehlte.»

«Wohl ein wenig aus Trotz blieb sie für die Nacht.»

«Was denkst du? Ich bin sprachlos.»

Tipp:
Christian Zehnder: «Die verschobene Stadt»
Roman
Otto-Müller-Verlag

Ihr letztes Buch: Elefanten im Garten, Roman, Ullstein.

Alain Claude Sulzer: Himmel oder Hölle im eigenen Zimmer

Natürlich lese ich nie nur ein Buch, ich lese immer mehrere nebeneinander. Nebst T. C. Boyles Band mit Storys «Sind wir nicht Menschen» und Hararis «Kurzer Geschichte der Menschheit» ist das im Augenblick Julien Greens Roman «Varuna» – die Geschichte einer Kette und ihrer wechselnden Besitzer im Verlauf vieler Jahrhunderte.

Bei dem Buch, das ich besitze, handelt es sich um die 1941 in der Kollektion «Voix de France» in New York und Montreal erschienene zweite Ausgabe des Romans, der ein Jahr zuvor bereits in Paris erschienen war. Julien Green lebte damals in Amerika. In Europa herrschte Krieg. Am 20. Mai 1941 schrieb er in sein Tagebuch: «Ein Mensch kann, ohne sich zu rühren, sein Zimmer in das Paradies oder die Hölle verwandeln, je nach den Gedanken, die er darin wohnen lässt.» Das passt auch heute. Es passt immer.

Tipp:
Julien Green: Varuna
Roman
Hanser-Verlag

Sein letztes Buch: Unhaltbare Zustände, Roman, Galiani.

Dana Grigorcea: Liebe und Verrat, Schlag auf Schlag

Das Erste, was ich in der Quarantäne wiederlas, ist Hans Falladas Novelle «Die grosse Liebe», geschrieben 1925. Ein wundersames Werk: Es liest sich leicht und schnell, genauso schnell geht man Falladas naiv wirkendem Ton auf den Leim. Der Autor der Neuen Sachlichkeit hat für uns heutige Leser Verwegenes in petto, denn es geht hier um Liebe und Verrat und zwar Schlag auf Schlag, jeder Satz prescht nach vorn, im Rausch.

In unserer Begeisterung für diese Novelle beschlossen mein Mann, der Schriftsteller Perikles Monioudis, und ich, sie in unserem Telegramme- Verlag aufzulegen. Dass in der Coronazeit dieses Fallada-Buch tatsächlich hergestellt, gedruckt und jetzt gerade ausgeliefert werden konnte, feiern wir wie ein kleines Wunder!

Tipp:
Hans Fallada: Die grosse Liebe
Novelle
Telegramme-Verlag

Ihr letztes Buch: Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen, Novelle, Dörlemann.

Petra Ivanov: Was sich hinter den Nachbarstüren versteckt

Der 16-jährige Wolfgang sitzt in der geschlossenen Psychiatrie. Nach und nach erzählt er einem Therapeuten, wie es war, über Jahre hinweg vom Vater tyrannisiert zu werden. In der eigenen Familie eingesperrt zu sein, gepeinigt, statt geliebt zu werden. Und schliesslich, was er getan hat, um zu entkommen. Die Geschichte geht unter die Haut, gerade jetzt, wo wir so viel Zeit zu Hause verbringen.

Nach aussen wirkt Wolfgangs Leben perfekt, der Blick hinter die Kulissen aber lässt einen erschaudern. Da Wolfgang unter Schock steht, schildert er seine Geschichte bruchstückhaft, was viel Raum für eigene Assoziationen lässt. Seit Wolfgang die Tür zu seinem Haus einen Spalt breit geöffnet hat, betrachte ich die geschlossenen Türen meiner Nachbarn mit ganz anderen Augen.

Tipp:
Michèle Minelli: Passiert es heute? Passiert es jetzt?
Roman
Verlag Jungbrunnen.

Ihr letztes Buch: Entführung, Kriminalroman, Unionsverlag.

Zsuzsanna Gahse: Gedichte wie Roadmovies

«Mir fehlt so oft der Übermut in Gedichten» klagt Thomas Kunst in einem «Nachgesang» zu seinem 2015 erschienenen Gedichtband. Ihm selbst fehlt der Übermut keinesfalls, auch die Unmittelbarkeit nicht. Seine Langgedichte, die sich häufig in einer einzigen dicht gedrängten Strophe über zwei Seiten erstrecken, wirken wie Roadmovies, da fährt man also mit dem Dichter (und Musiker) lesend durch die halbe Welt. «Ich gehe immer am Stock, wenn du mir von den Seehunden da / draussen erzählst, im Nationalpark.» Und ob unterwegs oder nicht, ob im epischen Gedicht oder im gewitzt gereimten Sonett, das Du, die Ansprechperson ist unverzichtbar in «Kunst».

Tipp:
Thomas Kunst: Nachgesang
Gedichte
Edition Azur

Ihr letztes Buch: Schon bald, Roman, Edition Korrespondenzen.

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