Die Thurgauerin, die einen Bündner Bergbauernhof führte und jetzt einen Roman schrieb: «Ich hatte immer meinen Raum»

Die Bündner Bergbäuerin Regula Caviezel ist im Thurgau aufgewachsen, jetzt hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. 

Dieter Langhart
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Aufgewachsen im thurgauischen Kefikon, zog Regula Caviezel auf einen Bergbauernhof im bündnerischen Urmein.

Aufgewachsen im thurgauischen Kefikon, zog Regula Caviezel auf einen Bergbauernhof im bündnerischen Urmein.

Bild: PD

«Als junge Frau weinte ich jedes Mal, wenn im Radio ‹Oh Thurgau, du Heimat› zu hören war.» Kefikon, ein Dorf nahe Frauenfeld. Im Thurgauer Dorfteil wuchs Regula Caviezel auf. «Wir mussten viel arbeiten auf dem Steigackerhof, aber wir hatten eine schöne Kindheit», sagt sie.

«Wir waren stolze Bauern, lebten sehr in der Familie.»

Sie kam 1951 zur Welt, als zweites von fünf Kindern. «Ich war das Älteste der drei Mädchen. Und ich hatte immer meinen Raum.»

Ein Sonntag. Wir unterhalten uns am Telefon. «Mir ist nie langweilig, grad vorhin habe ich gezeichnet.» Regula Caviezel hat ins Domleschg geheiratet, nach Urmein am Heinzenberg. Sie wollte immer bauern und führte mit ihrem Mann und ihren drei Kindern einen Bergbauernhof; der Sohn hat ihn vor Jahren schon übernommen.

«Es ist ganz unwichtig, was Sie über mich schreiben», sagt sie mehr als einmal im Gespräch, «mein Lebenslauf ist uninteressant.» Und erzählt dem fremden Journalisten weiter aus ihrem Leben und von den Heilkräutern und vom Schreiben, denn kürzlich ist ihr Roman «Die Silberne» erschienen.

Las als Jugendliche bereits Puschkin und Tolstoi

«Ich wollte immer das Beste aus jeder Situation machen.» Vieles hat sie von ihrer Mutter mitbekommen und mitgenommen: Die Freude an Kunst und Musik und Literatur – in der Sekundarschule las sie bereits Puschkin und Tolstoi. «Sie gefielen mir einfach, vielleicht, weil sie zu den ‹verbotenen› Büchern im Schrank gehörten.»

Gezeichnet und Musik gehört hat Caviezel schon immer, doch zu schreiben begann sie erst mit 56, als sie Rückenprobleme bekam und der Hof und der grosse Garten etwas zurückstehen mussten.

Regula Caviezel betreibt einen Kräutergarten in Permakultur.

Regula Caviezel betreibt einen Kräutergarten in Permakultur. 

Bild: PD

Sie bringe jeden Gedanken gleich zu Papier, schreibe wenig um. Zu schreiben sei, sich in ein Abenteuer zu stürzen; es halte sie ebenso lebendig wie ihr Garten. Nach einem Erzählband und einem Bilderbuch liegt nun «Die Silberne» vor, ihr erster Roman (siehe Kasten).

Sympathie für eine unkonventionelle Frau

«Das Wort ist das Elementarste», sagt Regula Caviezel – mehr noch als das Zeichnen und die Musik. Zuerst habe sie äusserste Sorgfalt in ihr Schreiben gelegt, jetzt lasse sie vor allem ihre Gefühle in die Worte fliessen.

«Ich will meine Texte nicht in die Länge ziehen, will klar und wesentlich sein.»

Um die Spannung bis zum Schluss zu halten, komme kaum direkte Rede vor; lieber beschreibe sie Situationen, kurze Szenen, in denen sie auch sich selbst finden kann.

Dies habe sie früh gelernt: Stolz darauf zu sein, wer man ist. Da haben es etwa die Jenischen schwerer, die oft schräg angesehen werden, auch im Bündnerland. Sine, die Hauptfigur in «Die Silberne», ist eine ältere Jenische, die oben am Berg lebt, weitab vom Dorf; eine Frau, die ausschert, die sich nicht um Konventionen kümmert; eine Frau, die der Natur ganz nah ist und den Tieren und den Heilkräutern.

Im Schutz der Blindschleiche

Die Frau bückt sich unter den Bittersüss, nimmt die Silberne aus ihrem Nest, legt sie sich um den Hals, unter ihr geflochtenes Haar. Sie weiss: Niemand wird ihr nun zu nah kommen. Sine wird bald in ihr Holzhaus beim Wildwasser verbannt sein, wie schon in manchem Winter.

Sie steigt nur fürs Nötigste ins Dorf hinab, doch da mag man den «Zigeunerbalg» nicht. Wenige kommen herauf: früher der Liebe wegen, heute, um sich heilen zu lassen, denn Sine kennt alle wundersamen Kräuter. Und eines Tages taucht Nils auf, dieser «kleine, nutzlose Banker». Und bleibt. Und nichts ist wie zuvor.

In sachten und sorgfältigen Sätzen, die mehr andeuten als ausformulieren, und mit überraschenden Details erzählt Regula Caviezel von einer wissenden Frau, die sich nicht der Gesellschaft unterordnet, die die Natur der Liebe vorzog. (dl)

Regula Caviezel: Die Silberne. Verlag Antium 2020, 115 S.

Über die Wunderkräuter weiss auch Regula Caviezel viel. Sie pflegt einen Permakulturgarten mit Heilpflanzen, Ganzheitlichkeit ist ihr wichtig. «Das hat nichts mit Esoterik zu tun», sagt sie. Schon als Kind war sie eng mit der Natur verbunden, hatte ein Flair für Kräuter; über die Jahre hat sie sich ein breites Wissen angeeignet.

«Ich will gar nicht wissen, was noch entsteht in mir»

Regula Caviezel stellte sich beim Schreiben der «Silbernen» vor, wie es sich als Ausgesetzte lebt. «Und jetzt leben mein Mann und ich in Quarantäne. Was passiert da mit den Gefühlen?» Ihr ganzes Leben habe sie sich gefragt: Was könnte Schlimmes passieren?

Dennoch: «Trotz meiner Ängstlichkeit bin ich ein lebensfroher Mensch, mache das Beste aus allem.» In ihrem Dorf, in dem «man lebt, wie man sollte» (sie scheint die Nase zu rümpfen), stehen jetzt alle zusammen, die Coronakrise eint die Menschen.

Was ist ihr das Wichtigste im Leben? Sie zögert, überlegt. «Die innere Freiheit und die Familie.» Was hat sie noch vor? «Ganz vieles, von dem ich noch keine Ahnung habe. Ich bin neugierig und bleibe offen für alles. Aber ich will gar nicht wissen, was noch entsteht in mir.»