Die Teppiche der einzigen St.Gallerin, die am Bauhaus studiert hat

Die Textilkünstlerin Maria Geroe-Tobler hat als einzige St.Gallerin am Bauhaus studiert. Sie war eine enge Freundin Hermann Hesses.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Marie Geroe-Tobler beim Spannen der Kettenfäden. Die Aufnahme entstand um 1945. (Bild: PD)

Marie Geroe-Tobler beim Spannen der Kettenfäden. Die Aufnahme entstand um 1945. (Bild: PD)

«Ich bin ganz dumm von all dem Neuen, das an mich herantritt», schreibt Maria Geroe-Tobler ihrer Schwester Bertha Bächler-Tobler begeistert nach St.Gallen. Dies im November 1928, wenige Tage nach Studienbeginn am Bauhaus in Dessau. Es herrscht Aufbruchsstimmung an dieser Reformschule, die wie keine andere Kunst, ­Design und Architektur des 20. Jahrhunderts prägt:

«Alle wollen modern sein um jeden Preis, nur keine Sentimentalität!», schreibt Geroe weiter. Was der Studentin weniger gefällt, ist, dass sich alle duzen.

Maria Geroe-Tobler ist, ­soweit bekannt, die einzige St. Gallerin, die am Bauhaus studierte. Zwei ihrer Zeichnungen von dort sind ab heute in der Ausstellung «Vom Jugendstil zum Bauhaus» im Historischen und Völkerkundemuseum ­ St.Gallen (HVMSG) zu sehen. Anlass ist der 100. Geburtstag des Bauhauses.

Eine moderne Frau

In Dessau besucht Maria Geroe-Tobler zuerst den Vorkurs. Sie erhält Unterricht bei Wassily Kandinsky, Josef Albers und Oskar Schlemmer. Später tritt sie in die Textilabteilung von Gunta Stölzl ein, wo sie vor allem Webarbeiten anfertigt. Die zwei Jahre jüngere Lehrerin ist die erste und einzige Meisterin am Bauhaus und Leiterin der Webereiwerkstatt.

Bauhaus-Zeichnung. (Bild: PD)

Bauhaus-Zeichnung. (Bild: PD)

Stölzl war vermutlich der Grund, weshalb es Geroe nach Dessau zog. Sie hatte sie in München an der Kunstgewerbeschule kennen gelernt, wo beide studierten. Im Gegensatz zu Stölzl, die auch Meterware für die serielle Produktion entwirft, interessiert sich Geroe-Tobler vor allem für das Einzelstück.

Die Textilkünstlerin hat bei ihren Webteppichen im Gegensatz zu vielen ihrer Mitstudenten am Bauhaus nicht die Abstraktion im Sinn. Sie vertritt eine andere, konservative Moderne. Sie schreibt über ihre Bildmotive: «Was soll auf einem Wandteppich dargestellt werden? ­Etwas Modernes, womöglich Aktuelles, beispielsweise ein Bahnhof, ein Autorennen ein Fliegerabsturz? Wohl kaum, denn alles, was sich in raschem Tempo vollzieht und auf Augenblickswirkung ausgeht, widerspricht der langsamen Technik des Webens.»

Designgeschichte erklärt anhand von Stühlen

Am Samstag eröffnet die Ausstellung «Vom Jugendstil zum Bauhaus» im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen. Anlass ist ein Jubiläum: Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus in Dessau gegründet, eine der einflussreichsten Design- und Kunsthochschulen der Moderne. Im Zentrum der Schau, die bis 31.5. geöffnet ist, stehen Möbel aus der Sammlung des Museums, insbesondere Stühle, von so bekannten internationalen Designern wie Marcel Breuer, Gerrit Thomas Rietveld oder Charlotte Perriand.

Sie sollen die Entwicklung verschiedener Reformbewegungen im Design aufzeigen, vom englischen «Arts and Crafts» über den Jugendstil, den Wiener Sezessionsstil, zum niederländischen De Stijl bis zum Bauhaus. Zum ersten Mal überhaupt sind Möbel aus der «Arts and Crafts»-Villa Waldbühl in Uzwil zu sehen. 

Häufig stellt Geroe-Tobler Menschen und Tiere dar. Biblische Szenen oder starke, schöne Frauen sind ebenfalls wiederkehrende Motive. Ihre Werke kommen an: Von den knapp 70 Bildteppichen, die sie anfertigt, sind etwa die Hälfte Auftragsarbeiten für vermögende Kunden. Sie kann, wenn auch bescheiden, von ihrer Kunst leben und sogar ihren Mann, den ungarischen Dramaturgen Marcel Geroe, finanziell unterstützen – alles andere als selbst­verständlich in jener Zeit.

«Maria Geroe-Tobler war eine sehr moderne Frau», sagt Isabella Studer-Geisser, Kuratorin am HVMSG. Sie hat ihre Dissertation über die 1895 geborene Künstlerin geschrieben, welche für diesen Text wichtige Informationen lieferte. Sie bezeichnet Geroe-Toblers Teppiche als «Seelenbilder»: «Sie ist nicht die harmlose Märchenerzählerin, als die sie erscheinen mag. Ihre Bildteppiche verraten bei geduldiger Betrachtung Gleichnisse, Freuden und Ängste einer sensiblen Frau.»

Hermann Hesse und der Liebespaar-Teppich

Auch den Liebespaar-Teppich stellt Maria Geroe-Tobler teilweise am Bauhaus her. Der Dichter Hermann Hesse, zu dessen engstem Freundeskreis Geroe-Tobler gehört, erwirbt ihn: Von 1925 bis 1961 lebt sie als seine Nachbarin im Tessiner Dorf Montagnola. Auf dem Teppich sind Liebespaare, darunter auch Hesse und seine Frau Ninon dargestellt, aber auch Fabeltiere oder Zwerge. Er befindet sich heute in der Dauerausstellung des Museums Hermann Hesse in Montagnola.

Der Bauhaus-Teppich ähnelt Hesses Liebespaar-Teppich. (Bild: PD)

Der Bauhaus-Teppich ähnelt Hesses Liebespaar-Teppich. (Bild: PD)

1945 schreibt der Dichter über den Teppich: «(...) ein farbiges Paradies voll schöner und liebenswerter Gestaltungen, harmonisch, aber nicht pedantisch geordnet, in einer Komposition, deren heimliche Strenge und Wohlüberlegtheit dem ersten Blick beinah entgeht, auf Dauer aber vielleicht den grössten Zauber dieses Kunstwerkes bildet.»

Blick in das Arbeitszimmer von Hermann Hesse, mit dem Liebespaar-Teppich im Hintergrund. (Bild: Martin Hesse/Martin Hesse Erben)

Blick in das Arbeitszimmer von Hermann Hesse, mit dem Liebespaar-Teppich im Hintergrund. (Bild: Martin Hesse/Martin Hesse Erben)

Geroe-Tobler ist besonders in der Zwischenkriegszeit erfolgreich, sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen der zeitgenössischen Textilkunst. 1937 nimmt sie an der Weltausstellung in Paris, 1939 an der Landi in Zürich teil. 1945 erhält sie eine Einzelausstellung im Kunstmuseum Basel.

Ab Mitte der 1950er-Jahre leidet Geroe-Tobler zunehmend unter gesundheitlichen Problemen – die Folgen einer Lebensmittelvergiftung. Ihre Schaffenskraft lässt nach, was sich auch an der sinkenden Qualität ihrer Werke ablesen lässt. Sie kehrt zurück in die Ostschweiz und webt dort mit Unterstützung 1960 ihren letzten Teppich, 1963 stirbt sie.

Maria Geroe-Tobler und ihr Werk sind heute in Vergessenheit geraten. Isabella Studer-­Geisser bedauert dies: «Sie hat dazu beigetragen, dass die gegenständliche Textilkunst im 20. Jahrhundert als Gattung mehr Anerkennung gefunden hat.»

Isabella Studer-Geisser: Maria Geroe-Tobler 1895–1963. Buchhandlung am Rösslitor 1997