«Die Stimme ganz Italiens»

Erst 59jährig ist in Rom der Musiker Pino Daniele gestorben. «La Stampa» nennt ihn einen «grossen Bluesman», «La Repubblica» einen «neapolitanischen Weltbürger».

Rolf App
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Pino Daniele (1955–2015) (Bild: Ky)

Pino Daniele (1955–2015) (Bild: Ky)

Seine Konzerte waren oft ausverkauft, vor allem natürlich, wenn sie in seiner Heimatstadt Neapel stattfanden. Seine Fangemeinde war riesig, sein Freundeskreis gross. Es war denn auch Eros Ramazotti, der als erster den Tod Pino Danieles der Welt mitgeteilt hat. «Du warst ein wahrer Mensch und ein grossartiger Künstler», würdigte er den 59jährigen Sänger und Gitarristen, der in der Nacht auf Montag an einem Herzinfarkt gestorben ist. «Ich will mich an dich mit einem Lächeln erinnern.»

Matteo Renzi trauert

Pino Daniele hinterlässt eine Frau und fünf Kinder. Und ein Land, das seiner gedenkt. Er war, sagt Ministerpräsident Matteo Renzi, «eine unglaubliche Stimme, nicht nur Neapels und des Südens, sondern ganz Italiens.»

Der Süden war das Biotop, aus dem diese ungewöhnlich hohe, kehlige Stimme herausgewachsen ist. Hier in Neapel wurde der Sohn eines Hafenarbeiters am 19. März 1955 geboren. Mit zehn Jahren lieh ihm ein Freund eine Gitarre, schon mit vierzehn tingelte Pino Daniele durch die Spelunken des Hafenquartiers.

Bunt gemischt

Als wichtigste Karrierestation bezeichnete Pino Daniele später die Kooperation mit dem in Neapel geborenen schwarzen Jazz- und Funk-Saxophonisten James Senese. Viel floss von schwarzen Musikern in seine Musik ein. Überhaupt war Pino Daniele ein Meister darin, viele Einflüsse aufzunehmen, Folklore mit Blues, Rock und Jazz zu mischen. Er habe, erzählte Daniele vor zehn Jahren, über Neapel hinaus im Mittelmeer nach seinen Wurzeln gesucht, «in Frankreich nach dem arabischen Rock, in Spanien nach dem Flamenco», und «die afrikanische Musik vom Sudan über den Maghreb bis nach Mali verfolgt». Auch sprachlich nahm er unterschiedlichste Elemente auf, sang mal im neapolitanischen Dialekt, mal in italienischer Hochsprache und mischte Englisch, Spanisch, Französisch dazu.

Der Erfolg kam früh. Schon in den Achtzigerjahren trat Pino Daniele vor hunderttausend Zuhörern auf den Mailänder Domplatz auf, doppelt so viele feierten ihn 1982 auf der Piazza Plebiscito in Neapel. Von Neapel und vom Norden handelt auch «Je so'pazzo», eines seiner bekannten Lieder, in dem er gegen die ach so effizienten Norditaliener den chaotischen und impulsiven Süden beschwört.

Urteile: Mal so, mal so

Pino Daniele sei seicht geworden, monierten Kritiker hierzulande in den vergangenen Jahren. Nichts sei übriggeblieben von der Wut der frühen Jahre. Italiens Zeitungen urteilen anders. «La Repubblica» nennt ihn einen «neapolitanischen Weltbürger». «La Stampa» beschreibt ihn als «grossen Bluesman» und stellt fest: «Für Neapel war er ein Symbol.» Dort wird am Tage des Begräbnisses denn auch offiziell Stadttrauer herrschen.