Die Stimme des Appenzeller Musikers Marius Bear geht direkt ins Ohr

Fast 100 Songs hat er im letzten Jahr geschrieben. Jetzt veröffentlicht der 26-Jährige sein erstes Album.

Roger Berhalter
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Der Appenzeller Marius Bear macht Pop von internationalem Format, wie er auf «Not Loud Enough» beweist.

Der Appenzeller Marius Bear macht Pop von internationalem Format, wie er auf «Not Loud Enough» beweist.

Bild: Ralph Ribi (24. Juni 2019)

Es ist die Stimme, die bei Marius Bear alles zusammenhält. Dieses raue, kratzige Organ, das ihm schon den Vergleich mit Joe Cocker beschert hat. Auch auf «Not Loud Enough», dem ersten Album des Appenzellers, steht die Stimme im Zentrum und am Anfang. Gleich der erste Song, gleich betitelt wie das Album, lässt ihr viel Raum und holt sie nach vorne. Man hört jedes Hauchen, jedes Atemholen. Es ist, als sänge einem Bear direkt ins Ohr. Wie er seine Stimme pflege? Der 26-Jährige lacht aus dem Telefonhörer: «Gar nicht. Ich muss nichts für sie tun, sie funktioniert einfach.»

Und wie sie funktioniert. Gerade ist Marius Bear mit seiner vierköpfigen Band auf Tour durch die Schweiz und Deutschland. Diesen Freitag singt er im Casino Herisau, ein Heimspiel für ihn. «Ja, da werde ich sicher viele Freunde wieder treffen.» In Appenzell, wo er aufwuchs, ist er nach wie vor häufig anzutreffen. In einem alten Kuhstall hat sich Marius Hügli, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ein Studio eingerichtet.

Aber es zieht ihn auch oft weg. Bis zu vier Konzerte gibt er pro Woche, immer öfter auch in Deutschland, wo er mit der Single «Faces» schon im Radio gespielt wird. Gern fliegt er auch nach London, um sich dort mit Musikern und Produzenten auszutauschen. In Winterthur, wo er derzeit wohnt, ist er nicht oft.

Mindestens ein Song pro Tag zum Training

Nicht weniger als 92 Songs hat Marius Bear im letzten Jahr geschrieben. Sei nicht gerade ein Konzert angesagt, schreibe er einen Song pro Tag. «Manchmal auch zwei. Es ist wie Muskeltraining. Je mehr man’s macht, desto besser wird man.» Auf seinem ersten Album «Not Loud Enough» präsentiert sich der Appenzeller als souveräner Sänger und Songwriter. Die acht Songs hat er mit sechs verschiedenen Produzenten aufgenommen. Entsprechend vielfältig klingen sie, und es ist Bears Stimme, die das Album zusammenhält.

Alle Produzenten mit all ihrer Studiotechnik konnten seiner Stimme die Kratzigkeit nicht nehmen, konnten die Ecken und Kanten nicht ganz abschleifen. Es gibt zwar sehr glatt produzierte Popsongs wie «My Crown» oder «Blood Of My Heartbeat». Das ist radiotauglich und für grosse Konzerthallen gedacht. Es gibt aber auch ruhige, intime Lieder wie das schon erwähnte «Not Loud Enough». Oder «Broken», wo Bear den Spagat zwischen Herzschmerz-Nostalgie und Trap-Beat-Moderne versucht. «Dieser Song ist etwas Neues und gleichzeitig etwas Altes. Er gefällt sowohl meinen Kollegen als auch meiner Mutter», sagt Bear und lacht.

Mit «Lonely Boy», einem Cover des Duos The Black Keys, ist sogar eine erdig stampfende Bluesnummer auf dem Album vertreten. Sie verweist auf die Bears Anfänge als Strassenmusiker. «Das war einer der ersten Songs, die ich auf der Strasse gespielt habe.»

Leise und laute Konzerte, je nach Bedarf

Die Schweiz hat Marius Bear längst überzeugt. Im vergangenen Jahr gewann er einen Swiss Music Award, und mit dem Song «My Crown» war er 20 Wochen lang in der Hitparade vertreten. Das Album «Not Loud Enough» hat aber internationales Format, kein Zweifel, und es wäre dem Appenzeller zu gönnen, dass er auch jenseits der Landesgrenze Gehör findet.

«Not Loud Enough» vereint Marius Bears leisen und lauten Seiten. Er spielt auch mit diesem Gegensatz und bestreitet seine Live-Auftritte entweder in kleiner oder grosser Formation: im Duo mit einem Pianisten oder Vollgas mit der Band, wie auf der aktuellen Clubtour. Ihm gefalle beides, doch seine Stärke seien wohl Balladen. «Meine Stimme darf auch mal fein und zerbrechlich klingen. Das kommt live gut an, die Leute hören hin. Wenn ich eine Ballade singe, schwatzt keiner mehr.»

Marius Baer im Casino Herisau. Am 7. Februar 2020, ab 20 Uhr.

Marius Bear: Der Schweizer Joe Cocker

In einer kleinen Serie porträtiert die «Appenzeller Zeitung» Menschen, die im Jahr 2018  etwas Besonderes geleistet oder erlebt haben.
Claudio Weder