Die St.Galler Fotografin Claudia Schildknecht setzt sich gegen das Korallensterben ein: «Ich sehe mich als Aktivistin»

Claudia Schildknecht stellt am Mittwoch im Artist Talk im St.Galler Palace ihr Fotoprojekt «See You Later, Zooxanthellae!» vor. Es entstand im Great Barrier Reef in Australien.

Laura Widmer
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Heute ist die Einfuhr vieler Korallen verboten. Claudia Schildknecht hat diese Exemplare geschenkt bekommen.

Heute ist die Einfuhr vieler Korallen verboten. Claudia Schildknecht hat diese Exemplare geschenkt bekommen.

Bild: Hanspeter Schiess (St.Gallen, 27. Januar 2020)

Weisser Sandstrand, gleissender Sonnenschein. Die perfekten Sommerferien auf einem Bild, fotografiert im Osten Australiens. Unter Wasser entdecken Taucher schillernde Fische, Schildkröten und eine Vielfalt an Lebewesen, wie es sie sonst nirgends auf der Welt gibt. Das Great Barrier Reef ist die grösste zusammenhängende Ansammlung von Korallenriffen der Welt.

Doch der schöne Schein trügt. Die Symbiosealgen, sogenannte Zooxanthellae, sterben ab. Besonders schädlich ist die Erwärmung der Meere, ebenso wie die Übersäuerung des Wassers. Zurück bleibt eine graue Einöde. Claudia Schildknecht sagt:

«Viele der nördlichen Riffe bestehen nur noch aus toten, ausgeblichenen Kalkstrukturen.»

«See You Later, Zooxanthellae!» heisst das Projekt der St.Galler Fotografin, das sich mit der rasend schnellen Zerstörung der Korallenriffe Australiens befasst. In einem Artist Talk stellt sie es heute im Palace vor, anschliessend gibt es eine Podiumsdiskussion. Der Anlass ist in Kooperation mit dem Kollektiv «Haus zur Ameise» entstanden, das Schildknecht mitgegründet hat.

Weltweites Verschwinden der Riffe

Rund vier Monate hat die Fotografin 2017 und 2018 in Australien verbracht, hat fotografiert und mit Meeresbiologen von Aims gesprochen, dem Australischen Institut für Meeresforschung. Wenn die derzeitige Entwicklung der Klimakrise fortschreite, dann rechneten Forscher mit dem weltweiten Verschwinden der Riffe bis Mitte des Jahrhunderts, erzählt sie. «Für mich war die Arbeit dort alles andere als einfach. Du siehst ein ganzes Ökosystem, das innerhalb von zwei Sommern zugrunde geht.»

Die Fotografin verwendet in ihren Erklärungen immer wieder den Begriff der Shifting Baseline. Er stammt aus der Umweltforschung, und bezeichnet unterschiedliche Vergleichsmassstäbe für die Wahrnehmung von Veränderungen gegenüber dem Ursprung eines Ökosystems. Jemand, der sich schon lange mit Korallen befasst, sieht eine grössere Veränderung als jemand, der zum ersten Mal ein Korallenriff sieht.

Die Meeresbiologie sei ein relativ junges Forschungsgebiet, sagt Schildknecht.

«Es gibt keine Bilder davon, wie die Riffe in ihrem ursprünglichen Zustand aussahen.»

Die Unterwasserfotografie ist technisch schwierig, die Grösse eines Riffs festzuhalten, ist fast unmöglich. Das erschwert es zusätzlich, den extremen Wandel darzustellen. Ihre Arbeit ist deshalb nicht nur künstlerisch, sondern auch dokumentarisch. Die Fotos von «See You Later, Zooxanthellae!» konnte sie im Bernerhof beim Bundeshaus und bei einem Organ der UNO ausstellen.

Rassistische Beleidigungen

Claudia Schildknecht hat mit dem Thema Korallensterben noch nicht abgeschlossen. «Ich sehe mich auch als Aktivistin», sagt sie. Als Initiatorin des Künstlerkollektivs «Biotop der Relevanz» hat sie kürzlich einen Aufruf gestartet. Im Frühling wird die Gruppe ein lebensechtes Korallenriff bauen. Sie lässt dabei rund 200 selbstgegossene Keramikkorallen in den Brunnen des Luzerner Löwendenkmals ein. Mithilfe eines Crowdfundings sammelte die Gruppe 30000 Franken.

Die Idee stellte sie auch in der Pendlerzeitung «20 Minuten» vor. Schildknecht war nicht überrascht über die Kommentare, die online auf sie niederprasselten.

«Es gab rassistische Beleidigungen und manche Leute wünschten uns den Tod.»

Dies zeige ihr jedoch nur, wie emotional aufgeladen die Debatte sei. Mit ihrem Projekt möchte sie aufklären und wach machen: «Der Klimawandel ist definitiv angekommen. Leider sind diese weltweiten klimatischen Veränderungen laut der Wissenschaft erst der Anfang. Jedes Handeln hat nur noch beschränkten Einfluss.»

29.1.20, 20.15 Uhr, Artist Talk, Palace, St.Gallen.