Die Stadt ist im Aufbruch

(Zahn-)Spangen-Kultur, 28.12.2011

(Zahn-)Spangen-Kultur, 28.12.2011

Der Jahresrückblick auf das städtische Kulturleben stand unter dem kryptischen Titel «(Zahn-)Spangen-Kultur». Auch im Text folgten nur Andeutungen: Insgesamt moniert die Kritikerin, die Kultur in dieser Stadt sei wohl breit, doch sie gehe nicht in die Tiefe, weil Diskussionen nicht geführt und Maulkörbe verteilt würden. Es herrsche Neid und Missgunst.

Nun war 2011 gerade das Gegenteil zu erleben: Entgegen der alten St. Galler Obrigkeitsgläubigkeit wurden die Verhältnisse beim Namen genannt. So etwa inszenierte der Isländer Thorleifur Arnarsson am Theater eine ästhetisch überzeugende Revue auf die Finanzkrise, in der die neoliberale Theorie der HSG kritisiert wurde. Es folgte darauf eine öffentliche Aussprache mit der Universität. Das Kinok wiederum zeigte eine überraschende Retrospektive auf den anderen 11. September 1973, als in Chile die aktuelle Wirtschaftsordnung mit einem Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende durchgesetzt wurde.

In der Diskussionsreihe «City of Change» von Milo Rau wurde in der Lokremise die Schweizer Migrationspolitik thematisiert. Wir haben die Frage, auch ein Ausdruck für die Zusammenarbeit, im Palace aufgenommen und das Buch «Interkultur» diskutiert. Hinzu kamen Konzerte von Konono Nr. 1 aus dem Kongo oder Omar Suleyman aus Syrien sowie Auftritte von Londoner Dupstepmusikern, die dem Sound einer globalisierten Gegenwart nachspüren.

Dass in St. Gallen etwas in Bewegung geraten ist, zeigten gerade auch die letzten Abstimmungs- und Wahlergebnisse: Paul Rechsteiner, der von Kulturschaffenden unterstützt und explizit «Menschenrechte für alle» forderte, wurde in der Stadt von mehr als jeder zweiten Bürgerin, jedem zweiten Bürger in den Ständerat gewählt.

St. Gallen hat in den letzten Jahren einen beispielhaften kulturellen Aufbruch erlebt, dank der stärkeren politischen und finanziellen Unterstützung genauso wie dank dem Engagement von Kulturschaffenden. Viele Anlässe finden über die Region hinaus Beachtung. Erfreulich ist, dass die Förderung der Institutionen die Nischen gerade nicht verdrängt hat, sie werden im Beitrag einfach grosszügig übersehen: So entstanden neue kulturelle oder städtische Treffpunkte wie das Kaffeehaus oder das Buena Onda im Linsebühl, das Variété Tivoli oder zuletzt das nordische Café Oya. Wer im Nachtleben unterwegs ist, lernt zahlreiche junge Künstlerinnen und Künstler kennen, im Bereich von Mode und Design, aber auch in der Musik, eigenwillige Bands etwa wie Thomaten & Beeren oder Velvet Two Stripes.

Dass diese Entwicklung zwischen Subkultur und Standortförderung ihre Widersprüche hat, ist nicht abzustreiten, vielmehr ist darüber zu streiten: Der einzige Maulkorb, der tatsächlich verpasst wurde, war der Beitrag an die Sklavereiausstellung von Hans Fässler, den der Stadtrat aus politischen Gründen strich. Hier wäre eine Reaktion der Kulturschaffenden und eine Reflexion der Kulturförderung nötig gewesen.

Die Kritikerin fordert mehr Off-Räume – unbedingt braucht es, nach der Aufwertung des Bahnhofsviertels, eine aktive Immobilienpolitik seitens der Stadt für Ateliers, günstigen Wohnraum sowie das Quartierleben. Vor allem aber geht es um öffentliche Räume: Ein Club wie das Kugl, der auch dank der Initiative von Jungen in diesem Jahr Widerstand gegen die Schliessung leistete, muss in einer Stadt wie St. Gallen eine Selbstverständlichkeit sein. Das wichtigste Anliegen bleibt eine Publikumsbibliothek. Nach der Abbruchpolitik des Kantonsrates ist dank einer Volksinitiative neuer Schwung entstanden. Eine Bibliothek ist demokratisch und emanzipativ, weil sie das Wissen allen zur Verfügung stellt. Auch die Bürgerlichen und die Wirtschaft müssen ein Interesse haben, dass diesem Anliegen zum Durchbruch verholfen wird.

Dem «Tagblatt» wäre zu wünschen, dass es als Forumszeitung, die noch keinem Milliardär gehört, den Aufbruch offensiv und kontrovers begleitet. Oder um es mit dem syrischen Sänger Omar Suleyman zu sagen: «Yalla!» Vorwärts.

Kaspar Surber,

Präsident Association Palace, Linsebühlstr. 67, St. Gallen

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