Die Spur führt in die St. Galler Stiftsbibliothek

Verblüffend viel verbindet die 1955 in Basel geborene Gabrielle Alioth mit der Hauptfigur ihres neuen Romans «Die entwendete Handschrift».

Bettina Kugler
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Gabrielle Alioth: Die entwendete Handschrift. Roman. Lenos 2016. 220 S., Fr. 26.90.

Gabrielle Alioth: Die entwendete Handschrift. Roman. Lenos 2016. 220 S., Fr. 26.90.

Verblüffend viel verbindet die 1955 in Basel geborene Gabrielle Alioth mit der Hauptfigur ihres neuen Romans «Die entwendete Handschrift». Laura Merak dürfte etwa in Alioths Alter sein; wie die in Irland lebende Schriftstellerin hat sie Wirtschaftswissenschaften studiert, zunächst als Konjunkturforscherin gearbeitet und erst später die Zahlen und Prognosen gegen das Spiel mit der Wirklichkeit eingetauscht.

Diese Frau schickt Gabrielle Alioth nach längerer Abwesenheit zurück in ihre Heimatstadt – zur Beerdigung des Ex-Gatten Richard, den sie noch am Abend vor seinem Tod zufällig im Konstanzer Inselhotel getroffen hat. Der renommierte Historiker hätte dort an einer Tagung zur 600-Jahr-Feier des Konzils von Konstanz den Hauptvortrag halten sollen. Raffiniert fädelt Alioth so eine Geschichte ein, die zum einen in vergangene Zeiten führt – das ausgehende Mittelalter –, zum anderen ein scharfes Porträt der gehobenen Basler Gesellschaft zeichnet und in einen spannenden Wissenschaftskrimi mündet.

Alte Rivalen, dunkle Intrigen

In Basel wird Laura eingeholt von den Erfahrungen der Studien- und Ehejahre; beiläufig lässt Gabrielle Alioth Lauras allmähliche Emanzipation, ihre Befreiung aus der ungleichen Beziehung zum eitlen Patriziersohn Revue passieren. Laura trifft alte Bekannte wieder und stösst auf einen weiteren Todesfall unter mysteriösen Umständen: Hans Peterson, erst Freund und Studienkollege, dann erfolgloser Rivale Richards, ist einige Monate zuvor im Rhein ertrunken – nach einem handfesten Streit unter Wissenschaftern. Er hätte Merak seinen guten Ruf kosten können.

Laura beginnt zu recherchieren und gerät dabei ins Visier der Kriminalpolizei. Vor allem aber ist sie auf bekanntem Pflaster unterwegs: unter anderem in der St. Galler Stiftsbibliothek, auf der Suche nach einer Aufschluss versprechenden mittelalterlichen Handschrift – die zum Schrecken des Bibliotheksleiters freilich unauffindbar ist! Ebenso reizvoll wie Lauras Spurensuche an vertrauten Schauplätzen – die Alioth knapp, präzise und sehr lebensecht erfasst – ist ihr Blick auf den «Daig», den sie sich aus der Distanz erlauben kann.

Erforschen versus Erfinden

Mit der Neugier der Basler, so weiss die Schriftstellerin, kann sie rechnen. «Nichts fesselt die Basler mehr als Darstellungen ihrer eigenen Stadt», lässt sie Laura einmal mit leisem Spott zu sich selbst sagen. Doch auch wer in St. Gallen lebt und liest, sollte sich von ihrer literarischen Exkursion in den Stiftsbezirk (samt surrealem Abstecher ins Bleicheli) überraschen lassen – eingebettet in einen fesselnden, klug komponierten Roman. Der überdies zwei Methoden, die Vergangenheit zu verstehen, miteinander konfrontiert: hier die Erforschung und Deutung historischer Quellen, dort die literarische Erfindung. Gegen Fälschungen und Irrtümer sind beide nicht gefeit.