Kolumne

«Die Sprachstilistin»: Warum diese Kolumne mehr ist als Stirnrunzeln und hochgezogene Augenbrauen

Diese Woche erklärt Odilia Hiller, was sie antreibt und weshalb der bewusste Umgang mit Sprache wichtig ist. Und warum es im Grunde gar nicht so sehr um richtig oder falsch geht.

Odilia Hiller
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Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

Bild: Michel Canonica

Nach meiner letzten Kolumne, wo ein paar kritische Worte zum Deppenbindestrich fielen, wurde mir klar: Ich muss mich erklären. Um Missverständnissen vorzubeugen. Einige Leserinnen und Leser gewannen vielleicht den Eindruck, die «Sprachstilistin» sei der Spielplatz einer Art verhinderter Gymilehrerin, die mit dauererhobenem Zeigfinger, gerunzelter Stirn und hochgezogenen Augenbrauen darüber mosert, was andere mit der deutschen Sprache so alles falsch machen.

Das ist weit gefehlt, versteht sich. Es gibt so einiges anderes, was die Sprachstilistin antreibt. Der rein normative Ansatz, also die Frage von richtig oder falsch zum alleinigen Selbstzweck, ist es nicht. Viel zu uninteressant.

Schon eher der Drang, anderen Menschen zu erklären, wie man das Leben durch einen sorgfältigen Umgang mit Sprache besser machen kann. Anders gesagt:

Der Umgang mit Sprache ist eine Frage des Lebensstils.

Meiner Überzeugung liegt natürlich eine unersättliche und, ja, auch kitschige Liebe zur Sprache zugrunde, zu ihren Möglichkeiten, ihrer Schönheit und ihrem Geheimnis. Denn erst die Sprache macht uns zu den Wesen, die wir sind. Sie wissen schon: Im Unterschied zu Tieren können Menschen sich extrem differenziert artikulieren und kommunizieren miteinander, indem sie in Tausenden von Sprachen hochspezifische Laute aus der Kehle lassen. Wen das nicht fasziniert, der hat ein Herz aus Stein und darf nicht weiterlesen.

Achtloser Umgang mit Sprache zeigt mehr über Sie, als Sie denken

Wird mit dem hoch entwickelten Instrument Sprache also lieb- und achtlos umgegangen, tut das nicht primär weh, weil es persönliches, subjektives Sprachempfinden beleidigt . Es schmerzt, weil die Art und Weise, wie man sich mit Sprache auseinandersetzt, sehr viel darüber aussagt, wie man denkt – und wohl auch, wie weit dieses Denken reicht.

Was mich zum wichtigsten Argument bringt, weshalb es sich lohnt, sich mit dem Sprachgebrauch zu beschäftigen: Sprache ist Kraft, Machtinstrument, Verantwortung.

Nichts kann so viel Schaden anrichten und verletzen wie Worte.

So ist es Teil der Entwicklung jeden Kindes, zu beobachten, wie die Erwachsenen mit Sprache umgehen. Teil eines liebevollen Zuhauses ist die Art und Weise, wie man miteinander spricht – Lautstärke und Tonfall inbegriffen.

Aggression fängt schon bei der Form an

Darauf achten, dass Kommunikation so stattfindet, dass das Gegenüber sein Gesicht wahren kann und sich respektiert fühlt, ist Teil jeder gelungenen menschlichen Interaktion.

So hat die Art und Weise, wie genau wir miteinander sprechen, einen unschätzbaren Einfluss auf unser Zusammenleben. Aggression, Nachlässigkeit und Missachtung im Umgang mit anderen Menschen fängt an bei der Form, die wir wählen, wenn wir das Wort – ob geschrieben oder gesprochen – an andere richten. «Hauptsache, man versteht mich!» ist deshalb eine der kurzsichtigsten Aussagen, die man treffen kann. Weit schlimmer als hie und da ein Deppenbindestrich.