«Die Sprachstilistin»
Kristallklar, knüppeldick und pandemiebedingt muss es heissen

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller erklärt diese Woche, weshalb wir nicht Corona-müde, sondern coronamüde sind.

Odilia Hiller
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Auch der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860) war ein Freund präziser Sprache ohne Schnickschnack.

Auch der Deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860) war ein Freund präziser Sprache ohne Schnickschnack.

Bild: Ludwig Sigismund Rühl/Wikimedia

Jetzt kommt’s knüppeldick. Es ist an der Zeit, wieder einmal mit einer schriftsprachlichen Unsitte aufzu­räumen. Es wäre doch jammerschade, hätten wir hier nicht ein bisschen geschimpft, während täglich Hunderte von Schriftbildern kritiklos verschandelt werden.

Alle paar Monate erlaube ich mir deshalb einen besserwisserischen Einspruch. Mich macht kreuzunglücklich, wie viele Texterinnen und Texter es verlernt haben, zusammengesetzte Adjektive zusammenzuschreiben. Das alles beherrschende Corona­thema bietet hier bestes Anschauungsmaterial: «Pandemie-bedingt» lesen wir da. Oder «Corona-müde».

Lässt Sie das auch erschaudern?

Wirklich? Von der Wortbauweise her ist das im Grunde das Gleiche, als würde man «Ich fühle mich Hun­de-elend» oder «Sie ist Bären-stark» schreiben. Aus den eingangs in diesen Text eingestreuten Adjektiven würde so «Knüppel-dick» und «Jammer-schade».

Lässt Sie das auch erschaudern? Neben der sprachstilistischen Alarmglocke, die läutet, stellt sich die Frage: Warum? Von Befürwortern der Getrenntschreibung wird ins Feld geführt, dies sei «übersichtlicher». Geschenkt. Es gibt nichts Unübersichtlicheres als mit Satzzeichen gesprenkelte Sätze.

Der Duden: höflich, aber klar

Es ist doch kristallklar (nicht: Kristall-klar), dass es keinen vernünftigen Grund gibt, «Ofen-frische» statt ofenfrische Gipfeli zu kaufen. Niemandem fiele ein zu schreiben: «Uns war Pudel-wohl so Liebes-trunken auf der Spiegel-glatten Eisfläche.» Warum aber lesen wir «Die ganze Schule ist Virus-geplagt»?

Der Duden bleibt in der Frage höflich, aber deutlich: «Bei einer Verbindung aus Substantiv und Adjektiv/Partizip ist eine Zusammenschreibung vorzuziehen.» Das Regelwerk empfiehlt gar fetttriefend statt «Fett-triefend». Oder seeerfahren anstatt «See-erfahren». Die drei aufeinanderfolgenden gleichen Buchstaben sind dem Duden piepegal (nicht: Piep-egal).

Ein Weg aus dem Chaos

Und nun wird es wieder lammfromm (und nicht … Sie wissen schon, Sie haben das Prinzip begriffen). Es geht um mehr als reine Formalitäten. Sprachliche Konsequenz, Logik und Genauigkeit sind Ausdruck eines klaren, präsenten Geistes.

Sich präzis auszudrücken, besonders im geschriebenen Wort, ist ein Weg aus dem Chaos, in dem wir uns ständig zurechtfinden müssen. Und es hilft, dass Kommunikation gelingen kann. Eine ausgeschmückte, besonders umständlich operierende Sprache ist ausserdem weder schön noch besonders wahr. Um Schopenhauer zu bemühen:

«Die Wahrheit ist nackt am schönsten, und der Eindruck, den sie macht, umso tiefer, als ihr Ausdruck einfacher war.»

Es geht nicht darum, niemals einen Fehler zu machen. Viel wäre aber gewonnen, Kindern würde in der Schule wieder vermittelt, dass es nicht egal ist, wie Wörter aussehen und wie Sprache klingt. Und nun wird es hier wieder mucksmäuschenstill.