«Die Spinne ist für mich die Künstlerin per se»: Die St.Galler Künstlerin Andrea Vogel baut im Eisenwerk Frauenfeld ihre eigenen Haustiere

Während drei Wochen ist die 46-Jährige im Sommeratelier zu Gast und hat dort 500 Quadratmeter Platz, um zu experimentieren. Dafür hat sie 75 Kilo Tüll mitgebracht. Die Resultate ihrer künstlerischen Recherchen zeigt sie in einer Ausstellung.

Christina Genova
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Andrea Vogel ist glücklich über die Möglichkeit, im Sommeratelier Zeit und Raum zu haben für intensive künstlerische Arbeit.

Andrea Vogel ist glücklich über die Möglichkeit, im Sommeratelier Zeit und Raum zu haben für intensive künstlerische Arbeit.

Andrea Stalder

Mit 75 Kilo Tüll «und sonst nix» ist Andrea Vogel in ihr Sommeratelier im Shed im Eisenwerk eingezogen: «Ich hatte das Bedürfnis, mich mit meinem Lieblingsmaterial zu beschäftigen», sagt die 46-jährige St.Galler Künstlerin, in deren Schaffen Textiles eine wichtige Rolle spielt. Das netzartige Gewebe hat die gelernte Textildesignerin bei der Firma Swisstulle in Münchwilen bezogen. Der zarte Stoff bildet einen spannenden Kontrast zum rohen Charakter der ehemaligen Fabrikhalle.

Die Vielfalt an Stoffen ist gross: Es gibt hautfarbenen Tüll oder schwarzen, der zum Beispiel bei Abendkleidern zum Einsatz kommt. Rosafarbenen Tüll hat Vogel im Shed versuchsweise zwischen zwei Säulen gespannt. Von ganz zarten, feinmaschigen Geweben bis zu grobmaschigen ist alles vorhanden. Beim Besuch in Vogels temporärem Atelier, zwei Wochen nach ihrem Einzug, spürt und sieht man, wie wohl sie sich dort fühlt. Fast der ganze Boden der rund 500 Quadratmeter grossen Halle ist mit Material oder Prototypen für Arbeiten belegt. Auch an manchen Wänden hängen Entwürfe oder beinahe schon fertige Werke.

Voller Tatendrang und Spiellust

Andrea Vogel hat ihre Entwürfe und Prototypen für Kunstwerke fast auf dem ganzen Hallenboden ausgebreitet.

Andrea Vogel hat ihre Entwürfe und Prototypen für Kunstwerke fast auf dem ganzen Hallenboden ausgebreitet.

Bild: Andrea Stalder

Vogel, die sich auch als Performance-Künstlerin einen Namen gemacht hat, wirkt voller Tatendrang, ihre Experimentier- und Spiellust ist spürbar: Sie hat in ihrem Sommeratelier gefunden, was sie sich erhofft hat und worauf der Titel ihres Aufenthalts «Es brennt mir unter den Nägeln» anspielt: Eine Dringlichkeit, Zeit und Raum zu haben für intensive künstlerische Arbeit. Vogel, die im Kanton Bern aufgewachsen ist, sagt:

«Ich bin richtig glücklich, dass ich hier arbeiten kann.»

Insgesamt drei Wochen darf sie auf Einladung der beiden Kuratorinnen Almira Medaric und Mirjam Wanner im Shed arbeiten und sogar in der Halle übernachten: Die Künstlerin schläft auf einer Matratze vor Ort.

Was Andrea Vogel gerade besonders interessiert, ist der Moiré-Effekt. Er entsteht, wenn man zwei Lagen Tüll übereinanderlegt. Dadurch wirkt der Stoff wie eine vom Wind gekräuselte Wasseroberfläche oder gemasertes Holz.

Andrea Vogel erweckt Pavatexplatten und Tüll in einer Miniperformance zum Leben.

Andrea Vogel erweckt Pavatexplatten und Tüll in einer Miniperformance zum Leben.

Andrea Stalder

Die Künstlerin arbeitet aber auch mit Vorgefundenem: Biegsame Pavatexplatten, die im Eisenwerk gelagert wurden, erweckt sie in kleinen Performances zum Leben: Einen schmalen, langen Pavatexstreifen, über welchen sie Tüll gehängt hat, bewegt sie über ihrem Kopf wie die weiten Schwingen eines Vogels. In gebückter Haltung wirkt sie hingegen wie ein Kamel oder ein Reptil: «Das sind meine Haustiere», sagt sie. Sogar eine Spinne hat sich Vogel gebaut:

«Die Spinne ist für mich die Künstlerin per se.»

Dass am Ende des Aufenthalts ein Resultat da sein muss in Form einer fertigen Ausstellung, setzt Andrea Vogel keineswegs unter Druck. Doch sie versucht, die Verwandlung vom Atelier zur Ausstellung hinauszuzögern: «Es soll möglichst lange ein Experimentierfeld bleiben.»

Andrea Vogel hat aus Tüll, Pavatex und Wäscheklammern eine Spinne gebaut.

Andrea Vogel hat aus Tüll, Pavatex und Wäscheklammern eine Spinne gebaut.

Andrea Stalder

Eröffnung Donnerstag, 20. August, 19 Uhr, Shed im Eisenwerk, Frauenfeld. Anmeldung erwünscht unter shed@eisenwerk.ch; Finissage Sa, 19.September 2020, 16 –20 Uhr

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