Die soziale Schichten und die Herkunft beeinflussen Millennials doch noch stark

Die soziale Schichten und die Herkunft beeinflussen Millennials doch noch stark

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Die irische Schriftstellerin Sally Rooney wurde zur wichtigsten Stimme der Millennials erklärt. Warum ist das so? Unsere Autorin hat ihren Roman «Normal People» gelesen und sich dazu Gedanken gemacht.

Julia Stephan
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Als ich 14 war, war die Highschool-Romanze «Eine wie keine» ein grosser Hit. Beliebter Womanizer verliebt sich an der Schule in vermeintlich hässliches Aussenseiter-Entlein und macht sie zur Ballkönigin. Tausende Mädchen mit unterentwickeltem Selbstwertgefühl projizierten ihre Erlöserfantasien in diese Story.

Und ich wage die These: Auch Sally Rooneys Roman «Normal People» (auf Deutsch: «Normale Menschen») ist als Serie im englischsprachigen Raum nicht umsonst diesen Sommer ein Streaming-Hit. Pubertäre Sehnsüchte werden da befriedigt, wenn sich die jungfräuliche Aussenseiterin Marianne am College in den beliebten, Fussball spielenden Arbeiterklassejungen Connell verliebt und mit ihm eine mehrjährige On-Off-Beziehung startet.

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Schon für den Vorgängerroman «Gespräche mit Freunden» hat sich der US-Streamingdienst «Hulu» mit dem britischen Onlinesender BBC 3 inzwischen die Rechte gesichert, Autorin Rooney wird auch an diesem Drehbuch mitschreiben.

In «Gesprächen mit Freunden» geht eine bisexuelle Studentin und Slampoetin mit einem reichen, schönen, und natürlich verheirateten Schauspieler ins Bett und beginnt eine Affäre. Gute Dialoge, Cliffhanger, viel Sex und Storys, die sich auch an Kiosken gut verkaufen. Rooneys Bücher scheinen wie gemacht für die Leinwand. Und sie sind ein popkulturelles Phänomen.

Ein Renner auf Instagram

Das erkennt man daran, dass Romanzitate auf Instagram derzeit die Runde machen. Jungs laufen wieder mit diesen als vulgär verschrienen Halskettchen rum, weil der Account «connellschain» für seine 187 000 Abonnenten Fotos vom irischen Schauspieler Paul Mescal sammelt.

In der Serienverfilmung verkörpert er die Hauptfigur des Connell. Weil das reiche Innenleben seines Charakters nicht auf eine Filmleinwand passt, gibt ihm die Kette in der Serie die Sensibilität, die er trotz seiner maskulinen Statur ausstrahlen muss (und die er in der Serie auch ohne Silberkettchen ausstrahlen würde, dafür macht der für einen Emmy nominierte Ire seine Sache zu gut).

Natürlich würden Rooneys Figuren angesichts der sexistischen, antifeministischen Botschaften der erwähnten US-Komödie (Make-up, rasierte Beine und schöne Kleider machen Frauen beliebt) ihren Standpunkt in erbitterten feministischen Debatten verteidigen. Aber sie würden nicht leugnen, dass sie mit diesen Bildern aufgewachsen sind.

Wir gehören zur selben Generation. Wir wissen, dass man mit den Widersprüchlichkeiten dieser Welt irgendwie klarkommen muss. Genauso ungern geben wir zu, dass der Wunsch nach sozialer Anerkennung das Verhalten unserer Generation massiv bestimmt und uns verletzlich macht.

Wer sein Urteil über Sally-Rooney-Romane also über den zugegebenermassen haarsträubend banalen Klappentexten fällt, wird niemals in den Genuss einer Schreibe kommen, die das heutige soziale Zusammenleben derart unprätentiös in klugen Dialogen und ohne die Verwendung von Anführungs- und Schlusszeichen auf den Punkt bringt.

Arrivierte Autorinnen wie Zadie Smith waren bereits von dem für den Man Booker Price nominierten Debüt hingerissen. Rooneys nun auf Deutsch erschienener Roman «Normal People» von 2018 bügelt die kleinen Fehler des Debüts elegant aus: Während die Weltsicht der emotional extrem instabilen Hauptfigur Frances aus «Conversations With Friends» dem Roman eine einseitige Weltsicht beschert hatte, nähert man sich der Geschichte in «Normal People» aus zwei Perspektiven an.

Aus der Sicht des mitfühlenden Connell sowie der sich selbst ablehnenden, unabhängigen Marianne erleben wir Abschnitte aus vier intensiven Schul- und Collegejahren.

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Die Liebesgeschichte zwischen Marianne und Connell, die sich in der irischen Provinz warmläuft, weil Connells Mutter in Mariannes «gutem Haus» nun mal putzt und von ihrem Sohn Connell immer abgeholt wird, zeigt vor allem das soziale Geflecht, in dem wir von Kindsbeinen stecken. Connell hat ohne Marianne keine Vision für seine Zukunft, seine liebevolle Mutter hat aufgrund ihrer frühen Mutterschaft alle beruflichen Ambitionen aufgegeben.

Marianne, die in einem kalten Elternhaus aufwächst, hat ohne Connell nicht den Ansatz einer Idee, wie man zu etwas Selbstliebe kommt, die einen durchs Leben trägt. Ihre defizitären Persönlichkeitsanteile treiben sie erst mal auseinander.

Connell traut sich nicht, die uncoole Marianne zum Abschlussball zu bitten, ohne sein soziales Renommee aufs Spiel zu setzen (da wären wir bei der billigen US-Komödie und den Ideen, die sie transportiert). Mariannes Selbstwertgefühl erlaubt es nicht, das einzufordern. Also macht man nach ein paar leidenschaftlichen Nummern erst mal Schluss.

Wie die soziale Herkunft die Persönlichkeit prägt

Als die beiden auf Anregung Mariannes ans renommierte Trinity College kommen, verkehren sich aber die Machtverhältnisse: Die unabhängige, meinungsstarke Marianne macht in Dublin unter den versnobten Studenten eine gute Figur, der schüchterne Arbeiterjunge Connell verliert seine Peergroup.

Rooney gelingt in diesem Ortswechsel nicht nur, uns zu zeigen, wie tief die soziale Herkunft unsere Persönlichkeit prägt, sie findet auch Erklärungen für den Verlust des Gefühls tiefer Freundschaft, sobald man seinen Fuss einmal in die Erwachsenenwelt gesetzt hat.

Wenn plötzlich die Managementstufe im Job und die Automarke wichtig werden und das unschuldige Bad in der alle gleich machenden Gruppe einen beschämt. Freundschaft ist meistens auch nur ein Warenmarkt, stellt Marianne in einer Passage des Romans nüchtern fest. Und es spricht durch sie auch die bekennende Marxistin Sally Rooney.

Sie blickt hinter diese Mechanismen, ohne sprachlich altklug zu wirken. Rooney lässt ihre Figuren reden und streiten, sich in Widersprüche verheddern beim Versuch, irgendwie normal zu sein, was nichts meint als der Versuch, all den widersprüchlichen Normen dieser Welt irgendwie zu entsprechen. Die Autorin beherrscht das meisterhaft. Sie hat selbst am Trinity studiert, wurde mit 22 Europameisterin im Debattierwettbewerb der europäischen Universitäten.

Wenn sich Marianne und Connell, die ein Paar sind, ohne sich je als solches zu definieren (auch wieder so ein Millennial-Ding), an netten Sätzen festklammern, die andere über sie sagen, ist dem Leser jederzeit klar, dass viele dieser Sätze so dahingesagt sind wie ein Kommentar auf Facebook.

Einmal sagt Connell:

«Das Leben ist das Ding, das du mit dir in deinem Kopf herumschleppst.»

Den Sinn, den die Figuren aus ihrem Leben schöpfen, kreieren sie auf diesem offenen Feld aus Lebensentwürfen und Beziehungsmöglichkeiten in ihren Köpfen, und häufig wirkt ihre Selbsteinschätzung merkwürdig an der Realität vorbei konstruiert.

Sally RooneyNormale Menschen320 Seiten

Sally Rooney
Normale Menschen
320 Seiten

Bild: zvg

Fans von «Conversations With Friends» werden viele von Rooneys Themen in neuer Variation wieder finden, ebenso die komplizierten Charaktere, die so unsympathisch wirken, weil sie ihre dunklen Seiten nicht vor uns verstecken.

«Normal People» ist dennoch glaubwürdiger als sein Vorgänger. Die zwei Menschen, die sich in dieser On-Off-Beziehung begegnen und dabei menschlich weiterbringen, lehrt einen enorm viel über die Welt, in der wir leben und in der so manch cineastischer Müll aus den 1990er-Jahren immer noch unsere Weltsicht prägt.

Hinweis:
Kunden des Kabelbetreibers UPC können die Serie über den integrierten Streamingdienst Starzplay anschauen.