«Die Situation macht mir schon Angst»: Wie Ostschweizer Tanz- und Theaterschulen ums Überleben nach dem Lockdown kämpfen

Tanz- und Theaterschulen fallen in der Coronakrise durch die Hilfsraster. Von den Kultur-Unterstützungsgeldern sind sie explizit ausgeschlossen. Der Erwerbsersatz reicht nicht mal für die Miete. Nur mit viel Mehrarbeit überleben sie knapp, wie Beispiele aus Aadorf, St.Gallen und Kreuzlingen zeigen.

Julia Nehmiz
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Keine Angst vor grossen Stücken: Das Kinder-Musical-Theater Storchen spielte im Mai 2019 «Cats». Jetzt kämpfen Theater und Theaterschule um den Fortbestand.

Keine Angst vor grossen Stücken: Das Kinder-Musical-Theater Storchen spielte im Mai 2019 «Cats». Jetzt kämpfen Theater und Theaterschule um den Fortbestand.

Bild: Urs Bucher

Luca Scioscia führt seit 13 Jahren seine Streetdance-School in Aadorf, und zwar nebenberuflich. Er sagt:

«Es ist mein Glück, dass ich nicht von der Tanzschule leben muss, sonst hätte ich mehr Sorgen.»

Jetzt sieht sich der diplomierte Augenoptiker bestärkt in seinem Entscheid, seine Tanzleidenschaft in der Freizeit weiterzugeben.

Aktuell unterrichtet er 150 Schülerinnen und Schüler – und hat in Lockdownzeiten einen fünfstelligen Verlust eingefahren. Entlassen musste er niemanden, seine Tanzlehrer bekommen ihren Lohn. Doch vom Erwerbsersatz, den er bekam, konnte er nicht mal die Miete der Tanzschule bezahlen, sagt er. Er unterrichtete via Zoom («ich war skeptisch, doch es hat gut geklappt, sogar die Kleinen waren mit grosser Freude dabei»), aber er überlässt seinen Schülerinnen und Schülern, ob sie dafür zahlen möchten.

Jetzt hofft er, dass nur wenige der Tanzschüler bis Ende Juli kündigen. «Im Lockdown ging bei einigen das Gefühl für den Tanz verloren», fürchtet er. Vielleicht kann er, wenn die Tanzschulen am 8.Juni mit dem regulären Unterricht mit Schutzkonzept starten dürfen, die Lust am Tanz wieder vermitteln.

Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben

So geht es allen Tanzschulen in der Schweiz, sagt Liliana Heldner Neil, alle kämpfen ums Überleben. Die Geschäftsführerin von Danse Suisse, dem Berufsverband der Schweizer Tanzschaffenden, setzt sich seit Jahren für die Anerkennung der Tanzlehrerinnen und Tanzlehrer ein. Das Problem: Sie fallen zwischen Stuhl und Bank – vor allem jetzt. Private Tanz-, Kunst-, Theater- und Musikschulen sind von den Kultur-Unterstützungsgeldern in der Coronakrise explizit ausgeschlossen. Liliana Heldner Neil sagt:

«Wir sind als Kulturverband anerkannt, aber ein Teil unserer Mitglieder wird von den Hilfsmassnahmen ausgeschlossen.»

Tanzschulen werden auf die Massnahmen für die Wirtschaft verwiesen. Die Krux: Das, was Tanzschulen als Erwerbsersatz erhalten, sei zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben.

Denn der Erwerbsersatz für Selbständige wird anhand des Jahreseinkommens berechnet. Tanzschulen fahren keine grossen Gewinne ein, und das, was reinkommt, wird oft direkt reinvestiert. Kulturschaffende haben Anrecht auf Ausfallentschädigung – Tanzlehrer nicht. Ihnen bliebe noch die Möglichkeit eines Überbrückungskredits, aber wie sollen sie den zurückzahlen, fragt Heldner Neil.

Die Hoffnung: Durch Mehrarbeit mehr Liquidität hereinbringen

Das St.Galler Kinder-Musical-Theater Storchen hat so einen Kredit beantragt. Kurt Wettstein und seine Frau Bettina Kaegi gründeten, «unüblich für die Kultur», ihr Theater samt Theaterschule vor dreieinhalb Jahren als GmbH. Jetzt haben sie für sich und ihre Lehrtochter Kurzarbeit angemeldet. Der Überbrückungskredit reicht nicht bis Ende Juni.

Bettina Kaegi und Kurt Wettstein gründeten 2016 ihr Kinder-Musical-Theater Storchen in St.Gallen.

Bettina Kaegi und Kurt Wettstein gründeten 2016 ihr Kinder-Musical-Theater Storchen in St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser

Ja, das Wasser stehe ihnen bis zum Hals, sagt Wettstein. Sie konnten Zahlungsfristen verlängern, die Miete wird gestundet. «Die Situation macht mir schon Angst», sagt Kaegi. Sie hat im Lockdown via Skype unterrichtet, aber proben können sie erst jetzt wieder. Auf der Bühne sitzen zwölf Kinder im Halbkreis, sie üben ein Lied, «Rumpelstilzchen» hätte am 9.Mai Premiere gefeiert, die wurde auf August verschoben.

Wettstein und Kaegi bieten im Sommer vier Ferienkurse an statt zwei, sie hoffen, durch Mehrarbeit Liquidität hereinzubringen. «Ich bin überhaupt nicht hoffnungslos», sagt Wettstein. Ihr Theater hatte vor Corona gute Zuschauerzahlen, ab 20. Juni spielen sie wieder.

Ballettunterricht im Livestream auf Youtube

«Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle», sagt Carmelina Kirstein. Die Leiterin der Ballettschule Kreuzlingen bleibt trotzdem optimistisch. Sie erzählt von den letzten Monaten, wie sie «nach einer ersten Schockstarre» sofort Hunderte Videos produzierte, damit ihre 260 Schülerinnen und Schüler daheim üben können, wie sie nach den Osterferien im Livestream auf Youtube unterrichtete, bewusst offen für alle – als Werbemassnahme.

Dann unterrichtete sie in Kleinstgruppen, ihre Lehrkräfte arbeiteten dreimal so viel. Als Einnahmen blieben ihr die Semesterbeiträge, die Ausgaben erhöhten sich aber, für Lehraufwand und Schutzmassnahmen. Jetzt hofft sie, dass keine Kündigungswelle ihrer Schüler kommt. Sonst kämpft sie im August ums Überleben.