Interview

Thurgauer Autorin macht mit bei Corona-Literaturprojekt: «Die Situation ist gespenstisch»

Die Altishausenerin Tabea Steiner hat einen Text geschrieben für «Stoff für den Shutdown», ein Corona-Literaturmagazin. Seit Dienstag wird per Crowdfunding Geld dafür gesammelt, die erste Ausgabe erscheint Ende März. Lanciert wurde das Print-Zine von den Autoren Benjamin von Wyl und Daniel Kissling.

Christina Genova
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Die Thurgauer Autorin Tabea Steiner wurde 2019 mit ihrem Debütroman «Balg» für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Die Thurgauer Autorin Tabea Steiner wurde 2019 mit ihrem Debütroman «Balg» für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Bild: PD

Worum geht es bei «Stoff für den Shutdown»?

Tabea Steiner: Es geht vor allem um die Unterstützung der Kulturschaffenden, denen ein grosser Teil der Einnahmen weggebrochen ist. Einerseits soll mit dem gesammelten Geld das Projekt finanziert, andererseits die Autoren für ihre Texte entschädigt werden. Es gibt eine grosse Solidarität: Die ersten zwei Ausgaben sind bereit finanziert. Bis gestern Abend kamen fast 9000 Franken zusammen.

Gibt es Vorgaben für die Texte?

Es gibt keine Vorgaben, weder inhaltlich noch in Bezug auf die Länge. Die Idee ist, dass die Texte aus der jetzigen Situation heraus entstehen. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Auch die Ausserrhoder Autorin Jessica Jurassica und der Frauenfelder Rapper David «Daif» Nägeli sind dabei.

Worüber schreiben Sie?

Es geht nicht direkt um Corona, sondern um meine Erfahrungen in der Familie mit der Intensivstation. Anders als sonst in meinen Texten wählte ich einen sehr persönlichen Ansatz. Ich schreibe darüber, wie schwierig es ist, über seine Angst zu reden. Reden erzeugt Nähe, eine Nähe, die nicht möglich ist.

Wie sehr sind Sie finanziell von Corona betroffen?

Tabea Steiner: Zum ersten Mal seit dem Abschluss meiner Ausbildung als Primarlehrerin habe ich keine Einnahmequellen: Alle Lesungen sind abgesagt, auch als Stellvertretung in Schulen kann ich nicht mehr arbeiten. Die Situation ist gespenstisch. Sie macht mir aber keine Angst im existenziellen Sinn, denn mein Lebenspartner ist Lehrer und hat ein Einkommen. Ich habe auch etwas auf der Seite. Es ist ein Luxusproblem.

Was passiert mit den Literaturfestivals, die Sie organisieren?

Das Thuner Literaturfestival Literaare hätte vom 6. bis am 8. März stattfinden sollen. Wir mussten es zwar absagen, hoffen aber, dass wir es Ende September trotzdem durchführen können. Das Lesefest Aprillen hingegen, das Ende April in Bern über die Bühne hätte gehen sollen, mussten wir streichen. Als Alternative gibt aber derzeit das online Literaturfestival «Viral», wo wir zwei Abende bekommen haben: einen am 27. März für die Autoren von Literaare, den andern am 1. April für jene von Aprillen. Das erzeugt eine witzige Form der Nähe, weil die Autorinnen wirklich in ihren Stuben aus ihren Büchern lesen und von dort aus senden.

Wie geht es Ihnen persönlich mit der momentanen Situation?

Es geht mir gut. Was mir zu Hause im Homeoffice etwas fehlt, ist eine Tagesstruktur. Sonst verlasse ich die Wohnung zum Arbeiten, ich habe ein Schreibatelier. Zum Glück unterrichtet mein Partner seine Schüler von zu Hause aus. Um acht Uhr müssen alle online sein. Da schliesse ich mich an.

Wie geht es bei Ihnen weiter?

Ich arbeite an meinem zweiten Roman, da habe ich noch sehr viel zu tun. Nun hoffe ich, dass ich mich besser konzentrieren kann. Die ersten beiden Quarantäne-Tage waren diesbezüglich schwierig.

Corona-Literatur

Das gedruckte Literaturmagazin «Stoff für den Shutdown» soll so lange erscheinen, «bis wir uns alle wieder bedenkenlos umarmen können». Zwei Ausgaben sind bereits finanziert, die erste mit dem Titel «Umarmen» wird am 31. März per Post geliefert, die zweite Ende April. 30 Autoren und Autorinnen überwiegend aus der Schweiz liefern Beiträge für die erste Ausgabe. Die Spendensammlung auf Crowdify läuft noch 43 Tage, insgesamt werden 25000 Franken gesucht. (gen)