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Tanz in der Kathedrale: Die Sehnsucht kommt nicht zur Ruhe

Auf eine Reise zwischen Leben und Tod geht die Tanzkompanie in Yuki Moris «Desiderium» in der Kathedrale. Ein vielschichtiger, würdiger Abschied: Nur wenige Tänzerinnen und Tänzer werden nach den Festspielen am Theater bleiben.
Bettina Kugler
Die Seele sucht und wandert weiter, die Kathedrale bleibt geheimnisvoll schön: Stefanie Fischer in «Desiderium». (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Die Seele sucht und wandert weiter, die Kathedrale bleibt geheimnisvoll schön: Stefanie Fischer in «Desiderium». (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Alles irdische Streiten, die Sehnsüchte, Irrwege und Leidenschaften verdichten sich im Finale der Toccata op.5 von Maurice Duruflé – ein ebenso bedrängender wie überwältigender Moment. Domorganist Willibald Guggenmos, von Anbeginn der St. Galler Festspiele jedes Jahr ein Garant für tiefgründige Musikauswahl und virtuose Interpretation beim Tanz in der Kathedrale, hat für «Desiderium» erneut eine gute Hand bewiesen. Der jähe Stimmungswechsel von Duruflés Toccata zum mystisch verklärten Licht, in welchem die kreiselnde Minimal Music von Philip Glass aufscheint, gehört zum Faszinierendsten, was bislang an diesem Ort an den Festspielen zu erleben war.

Die blaue Blume und andere Sehnsuchtsdinge

Erst recht, wenn die kindlich und androgyn wirkende Tänzerin Stefanie Fischer auf dem rechten Podest zu zittern beginnt wie unter Strom – die ekstatische Bewegung des Quartettsatzes vorwegnehmend. Das Stück nimmt mit auf eine Reise zwischen Leben und Tod. Es verbindet Licht und Schatten, Musik für Orgel und Streichquartett sowie biegsame Körper zu einem Gesamtkunstwerk. Man kann einen spirituellen Sinn darin finden, die Seele auf Wanderschaft sehen. Es drängt sich aber nicht auf.

«Desiderium» will in nur fünfzig Minuten viel, manchmal zu viel. Bedeutungsschwer bringt Yuki Mori Sehnsuchtssymbole ins Spiel – etwa die wiederkehrende blaue Blume, in der Romantik Inbegriff der Suche nach Liebe, Schönheit und Unendlichkeit. Oder das weisse Hemd mit viel zu langen Ärmeln, in das die Tänzer schlüpfen: ein vieldeutiges Bild, das die Assoziationsmaschine in Gang setzt und lebhaft beschäftigt – so sehr, dass man dabei heftig ins Grübeln geraten und das eine oder andere schlicht übersehen kann. Was ohnedies die Crux ist an «Desiderium», wie schon bei anderen Choreografien in der Kathedrale.

So grossartig der Raum auch sein mag, ein Himmelstheater voller Bilder: Die Sichtverhältnisse bleiben schwierig für den Tanz. Wo immer man auch sitzt, wird man nur einen Teil des Ganzen sehen und aufnehmen können, zu nah dran oder zu weit weg sein. Nimmt man «Desiderium» beim Wort, in dem ja gerade Sehnsucht und Verlangen ausgelotet werden, könnte das positiv heissen: Auf Erden bleibt alles Sehnen und Streben Stückwerk, selbst in der Kunst. Immerhin kommt es in "Desiderium" überaus ausdrucksstark auf die Bühne; ebenso kraftvoll wie zart, zuweilen zärtlich und lebensfroh, manchmal ein wenig pathetisch. Dazu tragen auch die Kostüme von Dorit Lievenbrück bei, die farbigen Satinschärpen, die mit Goldlurex durchwirkten Westen, die an Kreuzritter im Kampf denken lassen. Die starke, bis in feine Details ausgearbeitete Choreografie hätte das keineswegs nötig. Jeder Schritt tut genug an Wirkung, auch die Blicke, die Art, wie die Hände ineinander gelegt werden. Und dies schon bevor das Publikum sitzt und die Orgel einsetzt. Ruhelos sehnsüchtig mischen sich da die Tänzerinnen und Tänzer unters Volk.

Minimal Music als Motor und Kontrast

Verborgener Motor des Sehnens ist in «Desiderium» das Modulor Quartett (Gregor Hänssler, Elisa Bösch, Demian Herzog, Milena Umiglia). Hinter dem Chorgitter auf einem Podest platziert, geben die jungen Musiker dem Stück seinen nie nachlassenden Puls, noch in langsamsten Bewegungen. Reizvoll setzt Yuki Mori auf Kontraste: etwa, wenn Genevieve O’Keefe leicht wie ein Schmetterling tanzt, währen Stefanie Fischer sich in extrem heruntergebremster Gefasstheit nähert.

Bewegend war dann schlieslich auch der Applaus für die Kompanie, die nach den Festspielen auseinandergehen wird. Jeder einzelne hätte die Standing Ovations verdient. Zusammen hat ihnen Yuki Mori einen Abschiedsauftritt choreografiert, der sie als Gruppe noch einmal von der besten Seite zeigt.

Letzte Vorstellung: Montag 8.7., 21 Uhr, Kathedrale St. Gallen.

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