Die Seele drängt es nach draussen

Das Thurgauer Staatsarchiv stellt Bilder ehemaliger Patienten der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen aus. Vier kurze Porträts von Menschen, die nicht ganz in ihre Zeit gepasst haben.

Ida Sandl
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Karl H. «Der Grüne», März 1943, Zeichnung zur Novelle «Die schwarze Spinne». Graphit-Stift auf Papier. (Bild: pd)

Karl H. «Der Grüne», März 1943, Zeichnung zur Novelle «Die schwarze Spinne». Graphit-Stift auf Papier. (Bild: pd)

Das Leben ist nicht gerecht und zu Rose G. war es besonders ungerecht. Sie war Epileptikerin, das wurde ihr zum Verhängnis. Die Mutter von acht Kindern – 1895 geboren – verbrachte 25 Jahre ihres Lebens in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Münsterlingen Seeseite.

Sie gilt als reizbar, deshalb muss sie meist in ihrer Zelle bleiben. Wenn sie im Hof oder Gang spazieren gehen darf, dann allein.

Rose G. vertreibt sich die Zeit mit Malen und Arbeiten. Sie ist enorm fleissig, stopft die Strümpfe für die ganze Abteilung, glättet Silberpapier. Sie sei «tüchtig und genau», steht in ihrer Patientenakte. Wenn sie nicht arbeitet, malt sie. Die Bilder mit ihren harmlosen Motiven erinnern an Grusskarten. Es sind tatsächlich oft Neujahrs- oder Glückwunschkärtchen, mit denen sie vergeblich versucht, mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben. Auch zu den Ärzten verschaffen ihr die Bilder keinen Zugang. Die Münsterlinger Psychiater finden ihre Zeichnungen «ganz schlimm», «grässlich und schwülstig». Sie zeichne ab, wird kritisiert, die Farben seien grell und die Motive starr.

Sie hatte nur ihre Puppen

Rose G. bastelt Puppen, die sie liebevoll bettet, mit denen spielt sie wie ein Kind. Es ist die einzige Gesellschaft in ihrer einsamen Zelle. Rose G. habe nie Psychotherapie erhalten, schreibt die Kunsthistorikerin Katrin Luchsinger im Begleitbuch zur Ausstellung im Staatsarchiv Thurgau. Sie wird mit Elektroschocks behandelt, bekommt Morphium und andere Schocktherapien, vor denen sie sich fürchtet.

«Rose G. gehörte wohl nicht zu jenen, die als interessante Patientinnen galten», mutmasst Katrin Luchsinger. Im letzten Eintrag in ihrer Krankenakte wird Rose G. der Wunsch nach einem Besuch bei der Familie abgeschlagen. Begründet wird dies mit ihren «krankhaften Zeichnungen».

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Karl H. wurde 1941 nur kurz in der Psychiatrischen Klinik behandelt. Er war ein uneheliches Kind, was ihm seine Mutter allerdings verheimlichte. Er fand es selbst heraus, da war er gerade 16 Jahre alt und es war während einer Schulstunde. Als er von seiner Mutter Antworten verlangt, bekommt er nur Ausflüchte zu hören. Sie redet von unbefleckter Empfängnis, der Sohn wird zornig. Er tätowiert sich ein Kreuz mit zwei grossen Flügeln auf die Brust.

Mit 17 Jahren kommt er zur Gesprächstherapie zum Psychiater Roland Kuhn. Die Gespräche zwischen ihm und Kuhn drehen sich vor allem um Kunst und Literatur. Kuhn leiht ihm unter anderem Jeremias Gotthelfs «Die schwarze Spinne» aus. Karl H. zeichnet Bilder zu den Novellen und Karikaturen. Kuhn erkennt die Begabung seines Patienten, er kauft ihm einige Zeichnungen ab. Er zahlt ihm dafür so viel Geld, dass er sich einen Zeichenkurs an der Gewerbeschule leisten kann. Zusammen fahren sie nach Basel, wo Karl den «Leichnam Christi im Grab» von Holbein bewundert. Noch vier Jahre nach seiner Entlassung kommt Karl H. in unregelmässigen Abständen zu Kuhn zu Psychotherapie-Sitzungen. Dann verlieren sich die beiden aus den Augen.

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Er träumt von der Stadt der Zukunft, in der nur glückliche Menschen leben. Franz Sch., der gelernte Maschinenzeichner, malt Skizze um Skizze von der idealen Lebenswelt. Seine Zeichnungen schickt er unter anderem dem Konstanzer Oberbürgermeister mit der Bitte, ihm doch umgehend ein paar Millionen zukommen zu lassen. Damit er endlich loslegen könne, seine Ideen zu verwirklichen.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Franz Sch. ist 29 Jahre alt, als er bei Sulzer kündigt. Er hat Angstzustände und malt sich Vergiftungs-Theorien aus. Jahrelang lebt er bei seiner Mutter. Doch er trinkt, beginnt seine Mutter zu schlagen. Irgendwann geht es nicht mehr. Er kommt nach Münsterlingen und bleibt zehn Jahre dort.

In der Klinik beschäftigt er sich fast nur noch mit seinen Zeichnungen. «Handskizzen» nennt er sie. In mehr als 200 Plänen und Schriften entwirft er ein Bild von seinem «Utopia». Hier sollen Menschen wohnen, die sich Doktorgrade erworben haben. Sie haben zwei Bedienstete und schreiben jedes Jahr ein Buch.

Der Arzt und der Patient

Franz Sch. sieht sich als eine Art Herrscher dieser Stadt und zeichnet für sich selber ein Schloss ein. Der Psychiater Roland Kuhn ist sehr interessiert an den Skizzen seines Patienten, die er auch analysiert. Allerdings ist die Kommunikation zwischen Arzt und Patient nicht immer glücklich. So beschreibt Katrin Luchsinger ein Gespräch, bei dem Kuhn Franz Sch. nach seinen Plänen fragt. Franz Sch. antwortet darauf, er habe keine Pläne. Er wolle lieber über die Differenzen auf seiner Abteilung sprechen. Doch davon will der Psychiater nichts hören.

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Konrad B. wurde 1873 geboren. Er war von Geburt an schwerhörig, konnte deshalb nur schlecht reden. Auch Lesen und Rechnen lernte er nur wenig. Die Gesellschaft wusste nicht, was sie mit einem wie ihm anfangen sollte. Er verbrachte fast sein ganzes Leben in Münsterlingen. Hier begann er mit einfachsten Mitteln zu zeichnen. Er sei fast immer unglücklich gewesen, heisst es im Begleitbuch zur Ausstellung. In seinen Zeichnungen erschuf er sich seine eigene «symmetrische und festliche Welt». Sie erinnern an Ornamente oder Stickerei-Vorlagen. Einige Psychiater kauften ihm sogar Bilder ab. Das habe ihm grosse Freude gemacht.

Franz Sch., ohne Titel, Juli 1947. Tusche und Farbstift auf Papier. (Bild: pd)

Franz Sch., ohne Titel, Juli 1947. Tusche und Farbstift auf Papier. (Bild: pd)

Rose G. «Frauen». Datum unbekannt. Graphit- und Farbstift auf Papier. (Bild: pd)

Rose G. «Frauen». Datum unbekannt. Graphit- und Farbstift auf Papier. (Bild: pd)