Die Schwerelosigkeit des Wartens

Bahnhöfe an abgelegenen Orten haben ihren besonderen Charme. Vielleicht einmal in der Stunde fährt ein Zug in jede Richtung, dazwischen ist es ruhig. Keine Spur von Eile und Dichtestress. Dafür gibt's eine grandiose Aussicht.

Beda Hanimann
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Das Bündner Plättli und die Flasche Calanda im «Alten Pöstli» in Molinis erweisen sich als notwendige Stärkung. Der Weg vom Dörfchen im Talboden des Schanfigg hinauf zum Bahnhof St. Peter-Molinis ist steil, schweisstreibend, er will nicht mehr aufhören. Dann tauchen einige Leitungsmasten auf, die Signale und Blinklichter eines Bahnübergangs. Und der Bahnhof.

Verlassen liegt er da, flankiert von einigen Remisen, ein paar Autos stehen auf dem Platz. Der Blick auf den Fahrplanaushang zeigt: Der nächste Zug fährt in fünfzig Minuten. So lange warten? Doch der erste Reflex korrigiert sich schnell. Es bleibt noch fast eine Stunde. Eine Stunde Musse, bevor es weiter geht. Bevor es zurück geht in die andere Welt.

Der Zughalt gilt dem einzelnen

Kleine, abgelegene Bahnhöfe, manchmal abseits der Dörfer im Niemandsland, haben ihren eigenen Charme. Sie sind nicht Orte der Eile und des Vorwärtsstrebens, keine Spur von Dichtestress. Jede Stunde fährt ein Zug in jeder Richtung, da sammeln sich dann ein paar Leute, einige steigen aus, wenn der Zug quietschend zum Stehen gekommen ist. Aber die tonnenschwere Komposition hält auch für einen einzigen Menschen, nicht blindlings, weil es der Fahrplan verlangt, sondern weil einer per Knopfdruck seinen Haltewunsch kundgetan hat, wie das so schön heisst. Ein- und aussteigen auf einem Landbahnhof sind Ereignisse, individuelle Erlebnisse. Das Halten des Zuges ist nicht der Masse geschuldet, es gilt dem einzelnen.

Reduziert auf das Minimum

Ein abgelegener Bahnhof ist Teil der grossen Mobilität im Kleinen. Reduziert auf das nötige Minimum. Es gibt einen Billettautomaten und einen Fahrplanaushang, den Knopf für den Haltewunsch. Es gibt vielleicht einen Warteraum, eine Toilette, die nicht vor Vandalen geschützt und mit blauem Licht unwirtlich gemacht zu werden braucht wie im Hauptbahnhof. Dazu manchmal einen Automaten mit Getränken, Schokoriegeln und Pommes Chips.

Und es gibt die Schienen. Sie sind das Signal und die Gewähr, auch in der grössten Abgeschiedenheit verbunden zu sein mit der Welt – weit deutlicher, als das eine Strasse und ein mickriges Bushalteschild zustande brächten. Selbst die kleinste Bahnstation meint den Zürcher Hauptbahnhof oder den Eisenbahnknoten in Luzern mit, weil die Schienenstränge dorthin führen, auch von hier aus zielgerichtet dorthin führen.

Andockstellen an die grosse Welt

Auch diese Minimalbahnhöfe sind Andockstellen an die grosse Welt, die aber doch angenehm fern ist. Was für eine Schwerelosigkeit des Wartens inmitten dieser Ruhe. Wo der Blick nicht auf Industrieareale oder mehrstöckige Park-and-Ride-Anlagen geht, sondern über frisch gemähte und in der heissen Luft duftende Wiesen. Hinauf zu Bergkuppen mit unbekannten Namen. Zurück zum Dörfchen, in dem man vor zwei Stunden noch gemütlich beim Frühstück sass. Und das Plätschern des nahen Sees wird nicht übertönt von den Geräuschen der Dauermobilität und urbaner Geschäftigkeit.

Die Aura der Bahnhofsgebäude

So dämmern die Landbahnhöfe vor sich hin, paradoxe Sinnbilder der Entschleunigung. Die Gebäude selbst sind oft überflüssig geworden für die Abwicklung des Bahnverkehrs. Man trifft deshalb auf schrullige Umnutzungen. Nail-Studios, Kinderkrippen, Designer-Ateliers, wo rational gedacht kein Mensch mit der entsprechenden Kundschaft rechnen könnte.

Aber irgendwie funktioniert es, vielleicht deshalb, weil ein Bahnhofsgebäude seine Aura hat, seine Aura behält, selbst wenn es ausrangiert ist. Sogar wenn Bahnlinien aufgehoben werden, bleibt die Funktion der Gebäude ersichtlich. In Soazza im Misox oder in Beromünster ist schon lange kein Zug mehr gefahren, aber die umgenutzten Bahnhöfe sind immer noch spezielle Gebäude.

In St. Peter-Molinis dagegen fahren noch Züge. Und das Ritual des Ankommens und Abfahrens wird noch gepflegt wie in Grossbahnhöfen. Nur dass hier alles ein bisschen unmittelbarer ist, eine menschlichere Dimension hat. Nach dem Fiepen der Bahnübergang-Warnung hält der Zug ein paar Meter neben dem Auto, das auf einen Ankömmling wartet. Und es ist wie die Erinnerung an die Kindheit, als man im Estrich vor der Modelleisenbahnanlage kniete.

Bahnhöfe auf dem Land haben ihre Aura – egal ob sie noch in Betrieb oder ausrangiert sind: St. Peter-Molinis, Schwendi bei Heiden, Soazza, Twann. (Bilder: Tonia Bergamin)

Bahnhöfe auf dem Land haben ihre Aura – egal ob sie noch in Betrieb oder ausrangiert sind: St. Peter-Molinis, Schwendi bei Heiden, Soazza, Twann. (Bilder: Tonia Bergamin)