Die Schweiz, zum Glück gezwungen

Zwei Bücher machen die miteinander verknüpften Entwicklungen der Schweiz und Europas in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Thema. Wolfram Siemanns Metternich-Biographie erläutert die Motive des wichtigsten Politikers der Zeit, ein Sammelband widmet sich der Schweiz.

Rolf App
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Politik in der Karikatur: Der russische Kosak treibt den widerspenstigen Berner Bären an die Tagsatzung nach Zürich. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Politik in der Karikatur: Der russische Kosak treibt den widerspenstigen Berner Bären an die Tagsatzung nach Zürich. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Wer sich mit der heutigen Schweiz und ihren Wurzeln beschäftigt, der tut gut daran, den Blick nicht nur zurück zu werfen ins Jahr 1848, als sich aus einem kurzen Bürgerkrieg der moderne Bundesstaat gebildet hat. Sondern weiter, das heisst: bis zu Napoleon. Seine Truppen besetzen 1798 das Land und führen den Umsturz herrschaftlicher Verhältnisse herbei. Das hat zunächst ziemlich massive innere Verwerfungen zur Folge, bis 1803 mit der Mediationsakte ein fragiler Kompromiss gefunden werden kann.

Ein tief zerstrittenes Volk

Bis fast zum Ende der napoleonischen Herrschaft bleibt die Schweiz Teil seines Imperiums, finanziert seine Feldzüge und stellt Truppen. Dann stellt sich die Frage, was aus dem kleinen Land werden soll, endgültig beantwortet wird sie 1815 vom Wiener Kongress.

Obwohl sie in Wien eifrig antichambrieren, haben die Schweizer bei den Siegermächten Österreich, Russland, Preussen und England nicht viel zu melden. Sie werden angehört, mehr nicht. Und das Bild, das sie dabei abgeben, ist nicht das allerbeste. Denn von Einigkeit ist bei den Eidgenossen keine Spur. Im Gegenteil: Sie müssen auf einen gemeinsamen Kurs erst gezwungen werden.

Siemanns grosses Panorama

Diese Geschichte erzählt ein von Tobias Kaestli herausgegebenes Buch, das die Zeitenwende 1813–1815 aus schweizerischer Sicht beleuchtet. Ein weit grösseres Panorama reisst jene Biographie des österreichischen Aussenministers Metternich auf, mit der dem Historiker Wolfram Siemann ein grosser Wurf gelungen ist. Auf beinahe tausend Seiten erzählt er eine Geschichte, die spannender nicht sein könnte, und widerlegt auch viele Legenden über diese prägende Figur der europäischen Geschichte. Dass Napoleons Blutspur gestoppt werden konnte: Es ist massgeblich Metternichs Werk.

Doch bleiben wir zunächst bei der Schweiz. Kaestlis Buch vereint eine Reihe von ausgearbeiteten Vorträgen, die 2014/2015 vor dem Historischen Verein des Kantons Bern gehalten worden sind. Sie greifen einzelnes heraus – etwa die Integration der Stadt Biel und das Aufgehen des Fürstbistums Basel im Kanton Bern oder die politisch gefärbte Geschichte schweizerischer Nationaldenkmäler wie des Luzerner Löwendenkmals.

Weit mehr als «Restauration»

Die ersten drei Kapitel indes wenden sich doch aus unterschiedlichem Blickwinkel der Schweiz als Ganzem zu, die zu dieser Zeit ein loser Staatenverbund ist. Einleitend bereits betont Tobias Kaestli, die mit dem Schlagwort der «Restauration» etikettierte Zeit sei alles andere als nur restaurativ gewesen. Hier seien vielmehr «wichtige Schritte im Sinn einer Modernisierung getan» worden.

Zu diesen Schritten mussten die Schweizer allerdings gezwungen werden, worauf André Holenstein zu sprechen kommt. «Nach Napoleon. Die Grossmächte retten die Schweiz» ist sein Aufsatz denn auch überschrieben.

Genf soll zur Schweiz

Obwohl sie ja eigentlich «Feindesland» ist, beschliessen Napoleons Gegner Österreich, Preussen, England und Russland schon früh, die Schweiz solle ihre Unabhängigkeit behalten, und zwar als eine bewaffnete Macht. Nur so nämlich kann sie ihre Rolle als Puffer zwischen Österreich und Frankreich, Deutschland und Italien wahrnehmen. Weiter verfügen die Siegermächte, Genf solle zur Eidgenossenschaft stossen, zu der der Stadt allerdings noch die territoriale Verbindung fehlt.

Diese Eidgenossenschaft allerdings ist im Innern kolossal zerstritten. Napoleon hat das Land nicht nur besetzt, sondern mit St. Gallen, dem Thurgau, dem Aargau, der Waadt, dem Tessin und Graubünden sechs neue Kantone geschaffen. Jetzt aber unternehmen die restaurativen Kräfte alles, um diese gewaltige innere Veränderung rückgängig zu machen.

Erfolg haben sie damit nicht, aber sie stellen doch die Geduld der Siegermächte auf eine harte Probe. Nur mit Mühe und viel Druck gelingt ihrer Diplomatie in den Jahren 1814 und 1815 das Kabinettstück, «aus einem chaotischen Konglomerat von zerstrittenen Klein- und Kleinststaaten einen Staatenverbund zu zimmern, der in ersten, schwachen Umrissen den Bundesstaat von 1848 erahnen lässt», fasst Holenstein den von zahlreichen Rückschlägen geprägten Prozess zusammen.

Bern will wieder grösser werden

In ihm profiliert sich die Republik Bern zusammen mit den katholischen Ländern der Innerschweiz als «Speerspitze der konservativen Reaktion», wobei es den Bernern vor allem um die Wiedereingliederung der verlorenen Untertanengebiete in der Waadt und im Aargau geht. Überall brechen die Konflikte auf, beide Lager – das konservative und das fortschrittliche – suchen Unterstützung bei den alliierten Mächten. Die einigen sich in einem ersten Schritt auf die Anerkennung der Souveränität aller 19 Kantone, und fordern dann von diesen Kantonen, sie sollten sich in der Tagsatzung auf eine Verfassung einigen, die dem Land Stabilität gebe und seine Unabhängigkeit sichere.

Auf dem Wiener Kongress wird beschlossen, was vorher ausgehandelt worden ist. Dort ist die Schweiz nur ein kleiner Nebenpunkt. Wien: Das ist der Ort, an dem mit dem österreichischen Aussenminister Clemens von Metternich jener Mann umsichtig die Fäden zieht, der in den zwei Jahrzehnten zuvor zum Zentrum des Widerstands gegen Napoleon geworden ist.

Metternich und Napoleon

Metternich kennt Napoleon gut. Als Botschafter seines Landes hat er mehrere Jahre an dessen Hof verbracht und ist zu einem bevorzugten Gesprächspartner des impulsiven Franzosen geworden. Er hat auch viel vom Korsen gelernt. Zum Beispiel, wie man die öffentliche Meinung beeinflusst. Und: Wie man mittels Repression eine Gesellschaft unter Kontrolle hält.

Doch vom Charakter her ist Metternich das bare Gegenteil des genialen Generals, nämlich ein kühler Kopf. Und ein Mann, der langfristige Pläne hegt, die er geschickt hinter diplomatischen Aktionen zu verbergen weiss.

Auf den Schlachtfeldern

Metternich will das alte, von der Französischen Revolution und später von Napoleon hinweggefegte, monarchische Europa nicht restaurieren, wie es später heisst. Er will es umbauen. Das heisst: Ihm eine Struktur geben, die auf dem Gleichgewicht der fünf Grossmächte Russland, England, Frankreich, Preussen und Österreich beruht, die Sicherheit und Stabilität gewährt. Was heisst: Keine dieser Mächte darf dominant werden.

Es zieht damit die Konsequenzen aus zwei Jahrzehnten Umsturz. Oft genug hat Metternich die Schlachtfelder besucht, ist schockiert zurückgekehrt. «Die Welt ist sehr krank, Freundin», schreibt er, «nichts Schlimmeres gibt es als den missberatenen Durst nach Freiheit. Er tötet alles und zuletzt sich selbst.»

Tobias Kästli (Hg.): Nach Napoleon, Hier und Jetzt 2016, 256 S., Fr.49.- Wolfram Siemann: Metternich, C. H. Beck 2016, 983 S., Fr. 42.90