«Die Schweiz war aus dem <Häuschen>»

Der Ostschweizer Raumfahrtexperte Men J. Schmidt hat den ersten Flug von Claude Nicollier ins Weltall am Schweizer Fernsehen co-moderiert. Noch sieht er keinen Nachfolger, Nicollier sei eine Ausnahmeerscheinung gewesen.

Bruno Knellwolf
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Men J. Schmidt Astronomie & Raumfahrt Space Science Gossau (Bild: Hanspeter Schiess)

Men J. Schmidt Astronomie & Raumfahrt Space Science Gossau (Bild: Hanspeter Schiess)

Herr Schmidt, warum ist Claude Nicollier bis heute der einzige Schweizer Astronaut geblieben?

Men J. Schmidt: Bei den späteren Ausschreibungen der europäischen Raumfahrtorganisation ESA hat es kein Kandidat aus der Schweiz in die Endausscheidung geschafft. Claude Nicollier war damals eine Ausnahmeerscheinung und hatte sozusagen die richtigen «Gene» für eine Astronauten-Karriere in sich. Das heisst, er war Astrophysiker, ziviler Linienpilot und Militärpilot.

Ist ein möglicher Nachfolger in Sicht?

Schmidt: Konkrete Namen gibt es meines Wissens noch nicht. Wenn sich bei künftigen Ausschreibungen Schweizer mit dem nötigen Rüstzeug bewerben, ist das durchaus möglich. Dazu gehören wohl ein abgeschlossenes Universitätsstudium in Physik oder Chemie sowie ausgezeichnete astronomische Kenntnisse. Wenn möglich sollte er Pilot mit grosser Flugerfahrung und vor allem einer guten medizinischen Verfassung sein. Zudem braucht es auch Glück. Der Wahlentscheid ist auch ein politischer. Alle Kandidaten müssen aus den ESA-Mitgliedstaaten stammen, und die ESA möchte eine möglichst breite Streuung, das heisst Astronauten aus möglichst vielen verschiedenen Mitgliedstaaten.

Was bedeutete es damals in den 90er-Jahren, dass ein Schweizer ins All fliegt?

Schmidt: Die ganze Schweiz war aus dem Häuschen und hat den ersten Flug von Claude Nicollier am TV mitverfolgt. Ich durfte damals während einer ganzen Woche in der eigens dazu geschaffenen MTW-Spezialsendung den ersten Nicollier-Flug zusammen mit Peter Lippuner co-moderieren, und dies zur besten Sendezeit.

Hat die Schweiz und eventuell auch die Industrie direkt profitiert von Nicolliers Engagement?

Schmidt: Davon bin ich überzeugt. Einerseits wusste nun die ganze Welt, wo die Schweiz liegt. Das allgemeine Verständnis für die Raumfahrt ist dank Nicollier erheblich gestiegen. Unser Engagement in der ESA wurde gutgeheissen, und es wurde dem einzelnen erstmals so richtig bewusst, dass wir als kleines Land etwas erreichen können. Unsere heimische Raumfahrtindustrie konnte profitieren, denn die Schweiz ist bekannt als zuverlässig und kompetent im Bereich der Hochtechnologie.

Welche Bedeutung hatten die Missionen in den 90er-Jahren mit Nicollier für die Raumfahrt im allgemeinen?

Schmidt: Nicollier ist insgesamt viermal mit dem Space Shuttle ins All geflogen und zählte auch bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa zu den bestausgebildeten Astronauten. Er wurde sogar für einen fünften Raumflug durch die Nasa nominiert. Die ESA hat aber daraufhin bei der Nasa interveniert mit der Begründung, dass auch die anderen ESA-Astronauten eine Raumfluggelegenheit erhalten sollten. Nicollier selbst war und ist ein eigentlicher Botschafter für die Raumfahrt – im speziellen auch für die europäische Raumfahrt.

Wären Sie selbst auch gerne wie Nicollier ins All gereist?

Schmidt: Sicher wäre ich auch gerne in der Weltraum geflogen. Da ich aber über die Anforderungen an einen Astronauten ziemlich gut Bescheid wusste, war mir klar, dass es für mich kein erreichbares Ziel war.

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