Die Schweiz ist überall

Wer Schweizer Autoren und Verlage auf der Frankfurter Buchmesse sucht, der muss ganz schön umherlaufen. Und erfährt einiges über die bunte Schweiz, Vergnügungsparks und Bücher, ob auf Papier, auf Pergament oder im Netz.

Valeria Heintges, Frankfurt
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Der Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage hat schon fest den Auftritt des Landes auf der Messe in Leipzig im März 2014 im Blick. (Bild: Valeria Heintges)

Der Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage hat schon fest den Auftritt des Landes auf der Messe in Leipzig im März 2014 im Blick. (Bild: Valeria Heintges)

Dieses Jahr ist die Schweiz ziemlich bunt. Nicht so einheitlich Rot-Weiss wie die Österreicher nebenan. Vielmehr zeigt sie sich in ihrem Gemeinschaftsstand auf der Frankfurter Buchmesse mit dunkelgrauen Regalen, taubenblauem Teppich und einem orangen Hintergrund für den Informationsstand.

Nur wenig Rot-Weiss

Ganz ohne Rot-Weiss geht es nicht, aber nur in der Werbung für die demnächst anstehenden grossen Vorhaben: Die fünf nominierten Bücher für den Schweizer Buchpreis werden vor rotem Hintergrund ausgestellt. Und der «Auftritt Schweiz» als Gastland im nächsten Jahr an der Leipziger Buchmesse wirbt auf Plakaten mit weisser Schrift vor roter Folie. Zu diesem Auftritt ist, den Eindruck vermittelt Marianne Sax, Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes (SBVV), der Besuch in Frankfurt in diesem Jahr nur die Aufwärmübung.

40 rote Lesebänke sollen in Leipzig verteilt werden, sechs Literaturbotschafter für das Buch werben und im Gegenzug 20 Buchhändler und Autoren aus Sachsen sich hierzulande vorstellen. Denn man wolle ja nicht vom 13. bis 16. März «wie ein UFO» in Sachsen landen.

Die Buchhändler und Verleger, die Marianne Sax beim gutbesuchten Apéro am Donnerstag zuhören, mögen die Wichtigkeit der Frankfurter Buchmesse für ihr Geschäft anders einschätzen. Denn Frankfurt ist der grosse Geschäftsplatz. Und zu dem gehört in der Branche immer noch der persönliche Kontakt. «Ich treffe viele Schweizer nur auf der Frankfurter Buchmesse», sagt Erwin Künzli, Co-Verleger des Zürcher Limmat-Verlags.

Von Australien nach Frankfurt

Er und seine Buchkollegen hören Marianne Sax dennoch geduldig zu und klatschen auch zu den Worten von Markus Meli, des neuen Schweizer Generalkonsuls in Deutschland. Der war «vor einigen Wochen noch in Australien», hat aber schon mitbekommen, dass sich Schweizer Autoren als «Sammler von Buchpreisen» im Ausland betätigen. Schliesslich «tut es uns gut, wenn man uns zur Internationalität zwingt».

Höflich folgen die Buchhändler und Verleger – Autoren waren beim Empfang nicht gesehen – auch den viel zu zahlreichen Worten von Emil Steinberger. Warum ausgerechnet er für eine Rede aufgeboten wurde, erschloss sich nicht, für die «innovative Schweiz», die vorher noch beschworen wurde steht er jedenfalls nicht mehr. Schliesslich gab er freimütig zu, eine Rede von 1960 neu genutzt zu haben. Applaus begleitet ihn dennoch, als er mit einem «Prosit!» das Buffet eröffnet.

Am Schweizer Stand zeigt sich das Literaturkonzentrat des Landes. Hier steht der kleine Wörterseh-Verlag unweit von SAC-Büchern, auch Zytglogge-, Appenzeller und Stämpfli-Verlag sind unter das Dach des Gemeinschaftsstandes geschlüpft.

Doch wo immer man in den drei grossen Hallen für das deutschsprachige Buch herumschlendert, überall trifft man auf Schweizer Verlage und Autoren. 191 Verlage aus «Switzerland/Schweiz» verzeichnet der Ausstellerkatalog, die meisten in Halle 4.1. Hier fragt auch Thomas Meyer auf seinen Postkarten am Stand des Salis-Verlags: «Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft?», und man weiss ihm schon nach zwei Messetagen nichts Gescheites mehr zu antworten.

Sofas und Bastteppiche

In Halle 3.0 lockt Kein & Aber Erholungsbedürftige in seinen «Vergnügungspark für Leser und Autoren», wie der Herbstkatalog betitelt ist. Gemütliche Sofas und Bastteppiche laden zum Verweilen ein, die Neuerscheinungen stehen zum Stöbern bereit. Aber für das grössere Absatzgebiet gehen Schweizer Autoren sehr gerne zu deutschen Verlagen. Und so prangen auf dem Poster des Wallstein-Verlags aus Göttingen Porträts von Ralph Dutli, Lukas Bärfuss und Matthias Zschokke. «Das hat sich zufällig ergeben», erklärt Stefan Diezmann. Und berichtet, dass Bärfuss im nächsten Jahr im neuen Buch «Koala» den Selbstmord seines Bruders verarbeite und dass Zschokke zu ihnen gekommen sei, als der Ammann-Verlag den Betrieb einstellte. Sogar nicht lieferbare Bücher habe man neu gedruckt. Klar, dass sie auch in Göttingen hoffen, dass Dutli mit «Soutines letzte Reise» den Buchpreis ergattert.

So zeigt sich die Frankfurter Buchmesse schon für den verwirrend, der nur auf der Jagd nach nationaler Literatur ist. Wer sich öffnet für Werke jenseits der Grenze, vielleicht gar in fremden Sprachen geschrieben, womöglich gar in einer, die man nicht mal lesen kann, der muss aufpassen, dass er nicht verloren geht. Denn hier gibt es alles: China und Afghanistan zeigen ihre Bücher, das Gutenberg-Museum demonstriert, wie einst der Buchdruck erfunden wurde. Und ein Verlag im spanischen Godella wirbt damit, der einzige zu sein, der Faksimile auf Lammleder-Pergament herstelle.

E-Books und Sobooks

Gleichzeitig stellt Amazon, erstmalig in Frankfurt, seinen Verlagsableger Amazon Publishing vor, mit dem er den Verlegern alten Stils den Garaus machen will. Die hier veröffentlichten Werke sehen wohl nie ein Papier, sondern stehen zum Download im Internet bereit. Und dazwischen steht Deutschlands Superblogger Sascha Lobo, der seine «Sobooks» vorstellt. «Sobooks geben die Antwort auf die Frage, was das Internet und soziale Medien aus dem Buch machen», behauptet Lobo. Im Mittelpunkt stehe dabei der Verkauf, «denn Sobooks sollen den Markt für digitale Inhalte mit Autoren, Agenten und Verlagen ausbauen und nicht gegen sie. Ja, ist das denn dann überhaupt noch ein Buch? So gesehen, war Emil vielleicht sehr subversiv, als er in seiner Rede von 1960 fragte: «Sie kennen das vielleicht, so ein Buch – oder?»

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