Die schwarze Spinne schlägt wieder zu

Lesbar Literatur

Hansruedi Kugler
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Christoph Poschenrieder Kind ohne Namen, Diogenes, 288 S., Fr. 34.–

Exakt in der Mitte dieses Romans taucht die schwarze Spinne auf. Bis dahin ist das Buch eine realistische Erzählung um einquartierte, aber unerwünschte Flüchtlinge – durchaus unterhaltend mit sarkastischen Facetten. Despotisches Gutmenschentum stösst hier auf verbitterten Fremdenhass. Dann wird der Roman zur rasanten Parabel mit Lovestory. Was für eine tolle Idee! Christoph Poschenrieder lässt Jeremias Gotthelfs fabelhafte Novelle über eine tödliche Spinnenplage, einen Teufelspakt, eine willfährige, moralisch verlotterte Dorfgemeinschaft und die List einer jungen Frau (aus deren Perspektive das Buch erzählt ist) auferstehen. Er versetzt die Novelle in ein abgelegenes deutsches Kaff, wo nach 2015 syrische Flüchtlinge untergebracht werden. Die soziale Dynamik des Dorfes gerät aus dem Lot. Poschenrieder schildert wie Gotthelf die Schuldzuschreibung, verdrängte Kollektivschuld, das Schicksal von Aussenseitern und die blinde Unterwürfigkeit unter Despotie. Trotz altmodischem Teufelspakt-Motiv funktioniert das literarisch gut.

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Jack Küpfer Black Whidah, Roman, Bilger-Verlag, 224 S., Fr 34.–

Sklavenhändler sind düstere Gesellen

Ein Schweizer schreibt einen Abenteuerroman zum Sklavenhandel. Mutig, toll! Der Westschweizer Journalist Jack Küpfer, der als Matrose und Holzfäller ein Abenteurerleben geführt hat, nimmt sich aber zu viel vor. Wer literarisch und moralisch altbackene, dennoch spannende Abenteuergeschichten mag, wird sich freuen. Man spürt die übermächtigen Vorbilder Herman Melville und Joseph Conrad. Die Geschichte führt in den Sklavenhandel ums Jahr 1800 zwischen Westafrika und Brasilien – ein düsterer Abgrund des Unmenschlichen. Ein junger Engländer mit gutem Herzen, aber liederlichem Lebenswandel wird Zeuge von Menschenjagden und Korruption, von Dschungelfieber und Voodoo. Sein moralisches Dilemma lässt ihn rebellieren und aus den Fängen der Sklavenhändler auch eine junge, schöne Dirne retten. Szenisch eng angelegt, mit langen Dialogen und aus der Perspektive des aufgeklärten Westeuropäers erzählt, wirkt der Roman wie aus dem 19. Jahrhundert – mit einer Schlagseite zum Kitschigen, zu schwülstiger Erotik und Voodoo-Analogiezauber.

Hansruedi Kugler