Die Schriftstellerin, die den Terroristen liebte

GOTTLIEBEN. Deutsche Tagesschau, 9. Mai 1975: «Mutmassliche Terroristen haben der Kölner Polizei in den frühen Morgenstunden eine Schiesserei geliefert», sagt der Sprecher. «Auf beiden Seiten gab es einen Toten und einen Schwerverletzten.

Valeria Heintges
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Ulrike Edschmid (Bild: Sebastian Edschmid / Suhrkamp-Verlag)

Ulrike Edschmid (Bild: Sebastian Edschmid / Suhrkamp-Verlag)

GOTTLIEBEN. Deutsche Tagesschau, 9. Mai 1975: «Mutmassliche Terroristen haben der Kölner Polizei in den frühen Morgenstunden eine Schiesserei geliefert», sagt der Sprecher. «Auf beiden Seiten gab es einen Toten und einen Schwerverletzten.» Eine Kamera zeigt einen Parkplatz, graue Fliesen, Darauf die Umrisse eines Menschen. Und Blutspuren.

Als Ulrike Edschmid die Nachricht hört, weiss sie sofort, wer der Tote ist, der einen Polizisten erschossen hat: Werner Sauber, den sie 1967 als Philip Sauber kennenlernt. Sie, die 27jährige Literaturstudentin, alleinerziehend, aus Berlin, und der 20jährige Filmstudent aus Zürich, lernen sich in Berlin kennen und werden ein Paar. 1971 trennen sich ihre Wege: Sie arbeitet als Lehrerin, politisch aktiv, aber in den Grenzen der Legalität, er verschwindet, löscht langsam alle Spuren und geht in den bewaffneten Widerstand.

38 Jahre nach seinem Tod hat Ulrike Edschmid ihre Erinnerungen niedergeschrieben. «Das Verschwinden des Philip S.» ist ein berührendes, zeitweise intimes Buch, das von Liebe erzählt, aber auch von Gewalt und Gefängnis und am Ende von Tod und Terror. Edschmid beleuchtet die Zeit der Notstandsgesetze, des Terrors der Roten-Armee-Fraktion (RAF) auf eine ganz eigene, um grösstmögliche Objektivität bemühte, aber letztlich doch radikal subjektive Weise. Ulrike Edschmid, Autorin mehrerer Bücher über die Zeit, schont weder Philip S. noch sich selbst.

Beeindruckend kühl und distanziert beschreibt sie den «deutschen Herbst» von innen. Und auch ein Stück Schweizer Geschichte, das überraschend wenigen Menschen bekannt ist.

Di, 14.4., 20 Uhr, Bodmanhaus Gottlieben, Lesung und Gespräch mit der Autorin Ulrike Edschmid

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