Die Schönheit der Zerstörung

Nach einer Gruppenausstellung vor drei Jahren ist die britische Künstlerin Phyllida Barlow mit einer Einzelausstellung in die St. Galler Lokremise zurückgekehrt. Sie zeigt ausdrucksstarke Skulpturen aus alltäglichen Materialien.

Christina Genova
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Humorvoll und bodenständig: Phyllida Barlow in der Kunstzone der Lokremise St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Humorvoll und bodenständig: Phyllida Barlow in der Kunstzone der Lokremise St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Der Eingangsbereich zur Kunstzone der Lokremise ist eine Zumutung. Achtzig graue Röhren haben sich dort breitgemacht. Sie stehen im Weg, plump, fast einfältig besetzen sie das Foyer und behindern den Zugang zur Haupthalle. Phyllida Barlow hat sie aus Materialien hergestellt, die man in jedem Baumarkt findet. Die britische Künstlerin hat Plastikrollen mit grob gewebtem Stoff umschlossen, mit Gips und Zement überzogen und schliesslich nach dem Trocknen aufgeschnitten.

Alle Exponate von Barlows Einzelausstellung «mix» stammen aus der Sammlung von Ursula Hauser, der Mitbegründerin der Galerie Hauser & Wirth. Für das Kunstmuseum ist die Grosszügigkeit der Sammlerin ein Glücksfall. Nicht nur liess sie Kurator Konrad Bitterli freie Hand bei der Auswahl der Leihgaben; Ursula Hauser unterstützt die Kunstzone der Lokremise ausserdem gemeinsam mit der Helvetia-Versicherung auch finanziell, so dass dort nach der Kürzung der Subventionsgelder weiterhin zwei Ausstellungen pro Jahr stattfinden.

Eine kleine Retrospektive

Phyllida Barlow gibt bereitwillig Auskunft zu ihren Werken – heiter, unaufgeregt und voller Humor. So richtig voran mit ihrer Karriere als Künstlerin geht es erst seit ihrer Pensionierung als Kunstprofessorin vor sechs Jahren. Die damit verbundenen neuen Freiheiten haben laut Museumsdirektor Roland Wäspe zu einer «Explosion der Kreativität» geführt. Zu Barlows internationaler Bekanntheit hat auch beigetragen, dass sie seit 2010 von Hauser & Wirth vertreten wird.

Bis anhin schuf Barlow für jede Ausstellung neue, ortsspezifische Arbeiten. Noch vor wenigen Jahren hat sie gar nach jeder Ausstellung ihre Skulpturen wiederverwertet, indem sie Teile davon für neue Werke verwendete. Zerstören, um Neues zu schaffen, dieser Gedanke fasziniert die Künstlerin. Diese künstlerische Strategie hatte jedoch auch praktische Gründe: Es fehlten ihr die finanziellen Ressourcen, um ihre grossformatigen Skulpturen zu lagern.

Für die Ausstellung in der Lokremise hat Phyllida Barlow nun erstmals Werke aus unterschiedlichen Werkgruppen zu einer Schau zusammengestellt – die ältesten Arbeiten stammen von 2010, die jüngsten von 2014: «Diese Ausstellung war ein ziemlicher Schock», sagt die Künstlerin, «doch gleichzeitig war es auch sehr inspirierend.» Sie habe sich erst nicht vorstellen können, dass die Arbeiten zusammenpassen. Tatsächlich fügen sich Phyllida Barlows Werke, die etwas Rohes an sich haben, ausgezeichnet in das ehemalige Lokdepot mit seinen unverputzten Wänden und dem Industrieboden ein und entwickeln auch untereinander einen Dialog.

Wirbelstürme und Erdbeben

Gleich zwei von Phyllida Barlows Arbeiten beschäftigen sich mit den Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz. Die Skulptur «untitled: brokenupturnedhouse» erinnert an ein auf den Kopf gestelltes Haus. Phyllida Barlow wurde dazu durch ein Radiointerview mit einem Opfer des Wirbelsturms Katrina inspiriert, das auf anrührende Weise die Überreste seines Hauses beschreibt. Die Arbeit «untitled: hoard» hingegen setzt sich mit den Zerstörungen auseinander, die Katastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen oder Explosionen hinterlassen. Phyllida Barlow erkennt darin eine ganz eigene Ästhetik. Sie hat Bauholz, Hartfaserplatten, Stoff, Zement und bunte Absperrbänder zu einem theatralischen Arrangement aufgetürmt, bei dessen Anblick man fürchtet, es könne jederzeit zusammenstürzen.

Erker wie Skelette

Alles Aufgesetzte ist Phyllida Barlow suspekt: Das zeigt sich zum Beispiel in ihrer fünfteiligen Arbeit «untitled: balconies». Die erkerartigen Wandskulpturen sehen aus wie Skelette – repräsentatives Zierwerk entkernt bis auf seinen Rumpf. Nichts bei Phyllida Barlow ist einfach schöner Schein. Der ganze Entstehungsprozess einer Skulptur wird offengelegt, indem Arbeitsspuren nicht getilgt werden, sondern dazu gehören.

Unaufgeregt zitiert Phyllida Barlow aus der Kunstgeschichte, schichtet eine von Constantin Brancusi inspirierte Säule aus Scheiben von Karton, Sperrholz, Schaumstoff und Filz. Oder sie interpretiert mit subtiler Ironie das Raster, diese für das 20. und 21. Jahrhundert prägende Struktur in der Kunst, indem sie ein Sperrholzgitter rosa bemalt.

Brüchige Skulpturen

Was alles kann man tun mit einer Skulptur? Man kann sie von der Decke hängen lassen, an der Wand befestigen, auf einer Säule plazieren, sie vervielfachen, schichten, auftürmen. Phyllida Barlow zeigt in ihrer Ausstellung den Reichtum skulpturaler Möglichkeiten. Ihre verspielten und zugänglichen Werke loten aus, was Skulpturen im Raum zu leisten vermögen, und stellen sich durch ihre Brüchigkeit immer wieder selbst in Frage.

Bis 8.11., Lokremise St. Gallen