Die schöne Sucht namens Oper

Musik bedeutet ihnen viel. Deshalb schreiben Alain Claude Sulzer und Iso Camartin immer wieder gern über Musik. Morgen erzählen sie an einer Matinee am Theater St. Gallen über ihre Leidenschaft und stellen «Opernliebe» vor.

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Liebe, Lust, Leidenschaft: Alex Penda tanzt die «Carmen» in der Inszenierung am Theater St. Gallen. (Bild: Theater St. Gallen, Hans Jörg Michel)

Liebe, Lust, Leidenschaft: Alex Penda tanzt die «Carmen» in der Inszenierung am Theater St. Gallen. (Bild: Theater St. Gallen, Hans Jörg Michel)

ST. GALLEN. Seine ersten Opern hört der 1944 geborene Iso Camartin in den Fünfzigerjahren bei Radio Beromünster. Der Feuilletonist und Übersetzer N. O. Scarpi gibt dazu erklärende Einführungen, seine immer etwas heisere Stimme hat Camartin noch immer im Ohr. Und Giuseppe Verdis «Rigoletto», dessen dritter Akt sich ihm unvergesslich einprägt.

Die «Opernwerkstatt»

Später darf er beim Cellolehrer in Parpan Mozarts «Don Giovanni» am Fernsehen schauen, in schwarz-weiss. Und als er nach München geht zum Studieren, führt ihn sein Weg rasch zur Staatsoper. «Elektra» von Richard Strauss ist das erste Live-Erlebnis, dem viele weitere folgen. Zu diesem Zeitpunkt muss man ihn wohl schon als einen Süchtigen bezeichnen.

Gefährlich ist diese Sucht nicht, nur uferlos. Und sie führt dazu, dass der Zürcher Opernintendant Alexander Pereira ihn 2003 einlädt, die sonntägliche «Opernwerkstatt» zu übernehmen. Camartin ist Publizist, Schriftsteller und Fernsehmoderator. Er hat Philosophie und Romanistik studiert. Das heisst: Er ist nicht vom Musikfach wie sein Vorgänger Kurt Pahlen. Doch er schätzt die Gelegenheit, sich bis 2012 jedes Jahr in bis zu 14 Neuproduktionen einzuarbeiten. Und eine treue Zuhörerschaft schätzt ihn.

Frucht langer Beschäftigung

So bekommt Iso Camartin Gelegenheit, sich «weit mehr mit dem Phänomen Oper zu befassen, als ich es mir je erträumt hatte». Von ihr zeugt ein kürzlich erschienenes Buch, das den zweideutigen Titel «Opernliebe» trägt, und das morgen Sonntag im Foyer des Theaters St. Gallen vorgestellt wird. Camartin wird dabei nicht allein sein. Es gibt unter den Schweizer Schriftsteller einen, dessen Geschichten sich nicht selten um die Musik drehen: den Basler Alain Claude Sulzer. In «Aus den Fugen» lässt er einen weltberühmten Pianisten ein Konzert in der Berliner Philharmonie während Beethovens Hammerklavier-Sonate abrupt abbrechen. Ratlos zurück bleiben seine Zuhörer – die dieser Schritt nicht selten in Verlegenheit bringt.

Ein Pianist nimmt Reissaus

Marek Olsberg, dieser Pianist, ist eine Erfindung – auch wenn reale Pianisten durchaus gelegentlich davon träumen, so leicht aus ihrem anstrengenden Künstlerleben flüchten zu dürfen. Eine wirkliche Person steht im Zentrum von Sulzers Novelle «Annas Maske», die 2001 erschienen ist. Es geht um Anna Sutter, die 1871 in Wil geboren wird und in Stuttgart eine gefeierte und bei den Männern sehr begehrte Sängerin wird.

Die Stuttgarter «Carmen»

Ihre Paraderolle ist Georges Bizets «Carmen», und ein «Carmen»-Schicksal ereilt sie auch 1910, als Anna Sutter von einem eifersüchtigen Dirigenten erschossen wird. Was von Alain Claude Sulzer zurück führt zu Iso Camartin und seine «Opernliebe» – in der die gerade jetzt am Theater St. Gallen gespielte «Carmen» durchaus ihre Rolle spielt. «Opernliebe» meint zweierlei: Die Liebe zur Oper als einer Kunstform. Und die Liebe als Thema der Oper.

Natürlich, Camartin gibt es zu, die Oper ist nicht jedermanns Sache, auch wenn heute die Opernhäuser «eifrig dabei sind, für Kinder und Jugendliche Opernstoffe so aufzubereiten, damit eine Opernerfahrung bereits früh zum hellen Vergnügen werden kann» – und sogar zeitgenössische Stoffe in Kindern ein dankbares und vorurteilsloses Publikum finden. Vielleicht gerade deshalb, weil sie über wenig Hörerfahrung verfügen und ihre Hörgewohnheiten sich noch nicht zu stark verfestigt haben. Das Wunderbare, Überraschende der Oper tritt leichter an sie heran.

Das Rätsel der Stimme

Opernliebe, gibt Camartin zu, «ist eine sehr spezifische Art von Enthusiasmus. Sie fördert eine Wahrnehmung der Welt, die nicht jeder Realitätsprüfung standhält.» Denn was sich in jenen fünfzig Opern abspielt, die sich um die Liebe drehen, die Camartin im Detail erläutert, und zu denen selbstverständlich auch Bizets «Carmen» gehört, das verdankt seine Wirkung dem Zusammenspiel von Text, Musik und Stimme. Ihm gilt seine Aufmerksamkeit, wobei das grösste Rätsel doch in der Stimme liegt. In ihr, so Camartin, «ist der innerste Kern der Opernliebe eingelagert. Sie gibt dem Ton erst jene Färbung und Eigenart, die diesen unverwechselbar macht.»

Iso Camartin: Opernliebe. Ein Buch für Enthusiasten, C. H. Beck 2014, 383 S., Fr. 32.90

Iso Camartin (Bild: ky/Ayse Yavas)

Iso Camartin (Bild: ky/Ayse Yavas)

Alain Claude Sulzer (Bild: ky/Edition Epoca)

Alain Claude Sulzer (Bild: ky/Edition Epoca)

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