Pop
Die Ruhe nach dem Sturm: Seal bleibt sich nach allem treu

Nach einer turbulenten Zeit ist bei Seal der Frieden eingekehrt – sein neues Album handelt ganz von der Liebe.

Hans Peter Künzler
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Seal Henry Samuel liefert sein siebtes Album ab.Jooney Woodward/Warner Music

Seal Henry Samuel liefert sein siebtes Album ab.Jooney Woodward/Warner Music

Jooney Woodward/Warner Music

Wir befinden uns in einem Luxushotel im Zentrum von London. Seal will uns hier die Hintergründe seines neuen Albums, 7, erklären. Der Künstler bittet darum, das Interview im Stehen durchzuführen, sonst schlafe er ein, und das wäre ihm peinlich.

25 Minuten haben wir geredet, wobei Seal dann aus sich heraus gegangen ist, wenn es um unverfängliche Dinge ging, seine Vorliebe für die Schweiz zum Beispiel, oder für Frank Sinatra.

Sonst aber zeigte er sich freundlich reserviert. Aber jetzt, wo uns die Plattenfirma zwei Mal zum Aufhören aufgefordert hat, gerät er in Fahrt. «Was ich noch sagen wollte», so hebt er an, «ist dies. Warum habe ich dieses Album gemacht?

Was war mein Ziel? Was versuchte ich damit zu erreichen? Wir leben in einer Welt, in der wir ständig mit Informationen eingedeckt werden, bis wir betäubt sind, bis wir nichts mehr wirklich wahrnehmen und fühlen können.

Mit dem Album möchte ich ein kleines bisschen helfen, die Menschen wieder mit ihren Gefühlen zusammenzubringen.»

Zu gut für eine Rockband

Vor vielen Jahren suchte eine befreundete Rockband in London einen Sänger. Zu den Vorstellungsproben erschien auch ein gewisser Seal Henry Samuel. Er bekam den Job nicht. Er sei viel zu gut gewesen für sie, erklärte die Band später – man hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, ihn von seinem wahren Pfad abzubringen.

Zu der Zeit wohnte Seal noch in einem besetzten Haus im nordwestlichen Stadtteil Kensal Rise. Seine nigerianische Mutter war in ihre Heimat zurückgekehrt, der brasilianische Vater war ein Schlägertyp, und so war Seal noch als Teenager ausgerissen.

Er hielt sich mit Jobs als Fahrradkurier, Hamburgerbrater und Schneider über Wasser und nahm daheim nebenbei seine Lieder auf.

Seine breit gespannte, soulige Stimme passte damals weder in die florierende Acid-House-Szene noch gar in den Indie-Rock, der gerade Dance-Beats entdeckt hatte. Weil er noch kein Instrument richtig spielen konnte, konzipierte er «Kiss from a Rose» samt Instrumentalparts ganz im Kopf und sang diese dann ins Tonbandgerät.

Zehn Jahre später erntete ihm das Lied einen Grammy für den besten Song des Jahres. Nach langen Wanderjahren – eine Weile gehörte er in Thailand einer Bluesband an, dann bereiste er den indischen Subkontinent – war sein Durchbruch gekommen, als ihn der House-Produzent Adamski den Track «Killer» besingen liess.

Gerade die ungewohnte Kombination von Beats und barocker Stimme machte das Lied zum Hit. Nun kam er unter die Fittiche des Produzenten Trevor Horn, der mit ihm das auch in der Schweiz in rauen Platinmengen abgesetzte Debüt-Album aufnahm, gefolgt vom kaum weniger erfolgreichen zweiten Schlag, «Seal 2».

Liebe ist alles

Seither lebt Seal in Los Angeles und gehört zur Creme de la Creme der Musikprominenz. Die Heirat mit dem Supermodel Heidi Klum und danach die Geburt von drei Kindern und die Adoption von Klums Tochter aus erster Ehe, bildeten ein weiteres schönes Kapitel in einer spektakulären Feel Good Story.

Vor drei Jahren aber trennte sich das Paar und es kam zu einer unschönen öffentlichen Schlammschlacht.

Umso erstaunlicher und mutiger erscheint es, dass Seal gemäss Pressezettel zum neuen Album Folgendes gesagt haben soll: «Ich versuchte, all die wunderbaren Elemente von Liebe, sei es Akzeptanz, Seligkeit, Traurigkeit, Euphorie bis hin zum Zorn und zur Kopflosigkeit in Lieder zu fassen.»

Ein fürwahr mutiger Schritt, sage ich zum Künstler, gerade jetzt, nach allem was passiert ist, derart intensiv über die Liebe nachzudenken.

«Ha!» lacht Seal kurz auf. «Alle glauben, das Album handle von meinem Leben und meinen Beziehungen. Aber so einfach ist es nicht. Auch Trevor Horn war im Studio. Er ist sowas wie mein Halbbruder.

Und der Text von «Half a Heart» stammt nicht von mir – er wurde von der 15 Jahre alten Tochter eines Freundes geschrieben.» «7» ist ein typisches, elegantes Seal-Album, im Kern ganz klassisch gehalten, mit einem gelegentlichen Hauch von modischen Beats – und einem Song, «Every Time I’m with You», der von Brian Wilson geschrieben worden sein könnte.

Seal 7, Warner. Erscheint am 6.11.