Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die Retterin alternder Kleider

Iris Betschart flickt so ziemlich jedes Kleid, das ihr unter die Nähnadel kommt. Die St. Galler Modedesignerin setzt alte Stoffe neu zusammen und verhilft ihnen zu einem zweiten Leben. Das Material dafür findet sie manchmal im Zeughaus.
Roger Berhalter
In der grauen Zone: Iris Betschart ist Modedesignerin, Künstlerin und Gestalterin zugleich. Im Moment bemalt sie gerne Knöpfe mit Nagellack. (Bild: Coralie Wenger)

In der grauen Zone: Iris Betschart ist Modedesignerin, Künstlerin und Gestalterin zugleich. Im Moment bemalt sie gerne Knöpfe mit Nagellack. (Bild: Coralie Wenger)

In der Ecke steht ein Bob Dylan, genäht aus Stoff und Fell. Um Schaufensterpuppen winden sich halbfertige Oberteile, Röcke und Taschen. Im Regal stapeln sich beschriftete Kartonschachteln: «Knöpfe», «Haare» oder schlicht «Zeug». So sieht also die «graueZone» aus, wie Iris Betschart ihr Atelier und Modelabel nennt. Die 34-Jährige dreht sich eine Zigarette und blickt in ihre grau-bunte Werkstätte: «Wenn ich nicht mehr weiss, was wo ist, ist es an der Zeit auszumisten.» Im Moment weiss sie aber noch genau, was wo ist: Das Pulver, das in der Nacht leuchtet. Der grüne Nagellack, mit dem sie so gerne Knöpfe bemalt. Die Armee-Gamaschen, von denen sie gleich eine Palette aus dem Zeughaus geholt hat.

Die St. Gallerin liebt ungewöhnliche Materialien. Manchmal kauft sie in der Gerberei einen Sack voller Lederreste und packt ihn im Atelier voller Gwunder aus. Dann beginnt sie ihre Arbeit, gestaltet ein neues Kleidungsstück oder Accessoire. Dabei geht sie selten von einem Plan, aber immer von einem bestimmten Material aus. «Egal wie hässlich es zunächst aussehen mag: Jedes Material hat einen Mitstreiter, der ihm gut tut.» So führt das eine zum anderen, und ein vermeintlicher Jupe kann schon mal zum Rucksack werden.

Immer wieder flicken

Ihren Stil bezeichnet Betschart als «Secondlife». Die ausgebildete Modedesignerin wirft nicht nur Neues auf den Markt, sondern «fetzt» Altes zusammen, wie sie das In- und Übereinandernähen nennt. Ihr Material sucht sie vor allem im Brocken- und Zeughaus sowie auf dem Flohmarkt zusammen. Einerseits aus Not; Stoffe sind teuer. Anderseits aus Prinzip. «Es gibt schon so viele tolle Kleider, und es ist erstaunlich, wie wenig es braucht, um ihnen ein neues Leben zu geben.»

So geht sie immer wieder drüber, ändert und flickt und vernäht auch ihre eigene Garderobe immer wieder. «Diese Hose hier», sagt sie und zeigt auf ihre Beine, «habe ich schon, seit ich achtzehn bin.» Das graue Oberteil, das sie trägt, war mal ein beschichteter Manchester-Stoff, der durch unzähliges Waschen «eine eigene Geschichte» erhalten habe.

Auch ihr aktuelles Gruppenprojekt «Nature Vintage» soll Kleidern zur eigenen Geschichte verhelfen. Zusammen mit zwei Kollegen schraubt sie Jeanshosen auf den Asphalt einer Garageneinfahrt oder flicht sie in einen rostigen Metallzaun. Monate später holt Betschart die individuell geschundenen Hosen wieder und wäscht sie – bis der Modergeruch weg ist. Diese ungewöhnliche Jeansbehandlung hat viel Medieninteresse ausgelöst. Im Moment sei aber offen, ob und wie sich das Projekt weiterentwickle.

Die nächste Idee wartet schon. Bald möchte Betschart die Reihe «Abgeficktes Lieblingsstück» starten, eine Art Flick-Event mit DJ. Die Gäste können zum Beispiel ihre löchrige Lieblingsjeans bringen und erhalten eine Ersatzhose und ein Bier, während Betschart die alte Hose wieder neu macht. «Mittlerweile bin ich Expertin im Restaurieren alter Kleider», sagt sie und lacht. Vorsorglich hat sie den «Verein zur Erhaltung alternder Kleider» gegründet.

Ausgespuckt wie Plastikteile

Ihre aufwendig und intuitiv hergestellten Einzelstücke versteht Betschart auch als Statement gegen die Massen- und Billigproduktion. Sieht sie die Kleiderständer im Ausverkauf, kann sie gar nicht fassen, dass es da Blusen zu Preisen gibt, mit denen sie nicht einmal einen Reissverschluss kaufen könnte. Das seien Massentextilien, ausgespuckt wie Plastikteile. «Ich hätte schon gern, wenn Kleider wieder mehr geschätzt würden.» Auch den Trend zum Regionalen kann sie nur unterstützen: «Es wäre schön, wenn ich meine Kleider online nach New York verkaufen würde. Aber es wäre auch unsinnig.»

Die Verweigerung dem Markt gegenüber hat auch Nachteile: Betscharts Stücke sind in keinem Laden erhältlich, und anschauen kann man sie bis jetzt nur auf ihrer Facebook-Seite. An wen verkauft sie denn? Sie zuckt die Schultern: «Irgendwie werde ich das Zeug immer wieder los.»

www.grauezone.ch (im Aufbau)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.