Der Roman zur Stunde über den Rechtsextremismus

Lukas Rietzschels Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» zeigt, wie in ausgebluteten Regionen der Extremismus Fuss fassen kann.

Valeria Heintges
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Autor Lukas Rietzschel. (Bild: Getty)

Autor Lukas Rietzschel. (Bild: Getty)

Lukas Rietzschel weiss, wovon er schreibt. Er ist selbst 1994 an der sächsischen Ostgrenze, an der Grenze zu Polen, geboren worden und aufgewachsen. Er lebt – anders als viele seiner Schulkameraden – immer noch in Ostsachsen; in Görlitz/Zgorzelec, der durch die Neisse geteilten polnisch-deutschen Stadt. Lukas Rietzschel, der mit 28 Jahren seinen ersten Text in der Wochenzeitung «Die Zeit» veröffentlichte, hat mit dem Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» das Buch zur Stunde geschrieben.

Rietzschel versucht zu erklären, warum in den Gebieten, in denen erst die Arbeit, dann die Frauen verschwanden, der Rechtsextremismus zu blühen begann.

Lukas Rietzschel nutzt dafür eine Sprache, die so trocken ist wie die Sandwüsten, die der Tagebau zurücklässt, wenn der Boden ausgebeutet ist. Keine Gefühlsworte gibt es darin, kaum Adjektive, nie Beschreibungen von Emotionen. Alles sind harte Fakten, scheinbar. Denn es ist die Realität der Jugendlichen. Sie sehen nicht, dass etwa das Dorf Neschwitz, in dem Rietzschel das Geschehen ansiedelt, ein schmuck saniertes Schloss und einen Barockpark hat. Sie sehen nur, was ihnen die Gegend an Zukunft bietet. Und da sieht es grau aus, aschgrau. Je länger, je mehr.

Von der naiven Provokation zum Hitlergruss

Zu Beginn des Werkes, das in drei Kapiteln von der Zeit von 2000 bis 2015 erzählt, geht Philipp Zschornack schon in die Grundschule, während sein Bruder Tobi erst im Sommer eingeschult wird. Die Brüder verbindet mehr die Konkurrenz als die Solidarität. Philipp lebt Tobi vor, wie es ist, «gross» zu sein, doch am Ende wird Tobias den Älteren überholen. Bis dahin werden die Hoffnungen der Menschen immer weiter enttäuscht, scheitern Ehen, Freundschaften, schliessen Fabriken, Läden, sterben Dörfer. «Dieses ganze eingefallene, verlassene Zeug. Untergegangene, traurige Scheisse», heisst es brutal.

Dazwischen die Jugendlichen, die Fragen stellen, um zu verstehen. Aber wie Rietzschel über Gefühle schweigt, so schweigen die Erwachsenen. Alle, immer. Eltern, Grosseltern, Nachbarn, Lehrer, Direktoren. Die Jugendlichen bekommen keine Antwort, nicht auf das, was mal war, nicht auf ihre Fragen nach der Gegenwart – und sowieso nicht auf Fragen nach der Zukunft. Einer schmiert ein Hakenkreuz an den Stein vor der Schule. Was ist so schlimm daran, wofür steht das, fragt Tobias. Schweigen. Der Nachbar steht im Verdacht, bei der Stasi gewesen zu sein. Was tat die? Schweigen. Die Frauen ziehen der Arbeit hinterher in den Westen, weil sie flexibler sind, weniger lethargisch. Warum ist das so? Schweigen.

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen, Ullstein-Verlag, 320 S., Fr. 32.–

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen, Ullstein-Verlag, 320 S., Fr. 32.–

In Hoyerswerda sind Rauchspuren am Hochhaus, wo einst die Ausländerwohnheime brannten. Wer zündete sie an und warum? Schwei­gen. Wer nicht wegzieht, bleibt frustriert zurück. Schon zu Beginn vertreiben sich die Jugendlichen die Zeit damit, Zigarettenkippen auf Autos zu schnipsen. Dann kommen sie auf spannendere Dinge, suchen den Kick, das Verbotene, das zu Aufruhr führt, zu Reaktionen. Einmal wird einer als «Judensau» beschrien, da weiss Tobi noch gar nicht, was die jüdische Religion ist. Später wird er selbst den rechten Arm zum Gruss erheben. Und am Ende wird er ebenso schweigen wie seine Eltern. «Diese Situationen gab es viel zu oft, in denen er nicht mehr sagen konnte und wollte.»

Nein, Lukas Rietzschel erklärt nicht «den» Rechtsradikalismus. Aber er fügt Puzzleteilchen zu Puzzleteilchen, um zu zeigen, wie in ausgebluteten Gegenden der Boden bereitet wird und verängstigte Menschen jeden Strohhalm ergreifen, von dem sie hoffen, damit irgendetwas zu ändern. Und sei es nur am Pegelstand ihrer angestauten Wut.