Die reale Gefahr ist subtiler

Tim Carlsons Stück «Allwissen» wirkt auf der Konstanzer Bühne eher eindimensional als bedrohlich. Das zehn Jahre alte Stück scheint trotz «Update» von der Realität überholt.

Brigitte Elsner-Heller
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Szene aus dem Stück «Allwissen» mit Jana Alexia Rödiger (Beth, links) und Ines Hollinger (Anna). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Szene aus dem Stück «Allwissen» mit Jana Alexia Rödiger (Beth, links) und Ines Hollinger (Anna). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

KONSTANZ. «Es ist Zeit, den Switch für eine positive Zukunft zu konfigurieren», lautet die Ansage, die Beth gegenüber Warren macht. Sie ist seine Chefin, wobei Chefin auch mit Therapeutin gleichzusetzen ist. Denn nicht nur, wer wie Warren beim Medienunternehmen Channel 1 arbeitet, wird selbst durchleuchtet und optimiert. Eine Privatsphäre existiert nicht mehr, Medien und Staatsapparat durchdringen sich, wobei die Klammern von den Geheimdiensten gesetzt werden.

Wenn nun also Warren, der als Cutter Rohmaterial eines im Kriegsgebiet verschollenen Kollegen sichtet, selbst verschwindet, und wenn Beth von einem Mitarbeiter des Geheimdienstes verhört wird, ist kaum mehr zu unterscheiden, wem welche Rolle in diesem «Spiel» zukommt. Wer sind in dieser «schönen neuen Welt» die Guten, wer die Bösen? Nur eine Figur hat Autor Tim Carlson in seinem Stück «Allwissen» so geformt, dass Konsistenz zu erkennen ist: Anna, Warrens Freundin, ist als Soldatin im Einsatz gewesen und soweit traumatisiert, dass sie dem «Alltag», also dem System, nicht mehr zuzuführen ist. Eine der wenigen menschlichen Gesten.

Ein schwieriges Thema

Das Theater Konstanz bringt Tim Carlsons Nachfahren von Orwells «1984» oder «Schöne neue Welt» auf die Bühne – zehn Jahre, nachdem der Autor das Szenario entwickelt und auf die Ereignisse des 11. September «aufdatiert» hatte – um ebenfalls auf die entsprechende Sprache zu switchen. Wie schwierig es ist, Gültiges zum Thema Wissensgesellschaft und Wissensdiktatur zu schaffen, wird dabei deutlich. Nicht nur, dass sich Carlsons Stück nicht mit den Klassikern entsprechender Horrorszenarien messen kann, es scheint auch längst von der Realität eingeholt worden zu sein. Und die ist wesentlich subtiler und daher gefährlicher als alles, was auf der Bühne ausgebreitet wird. Ist es nicht viel verstörender, Glenn Greenwalds Tatsachenbericht über den Fall Snowdon zu lesen («Die globale Überwachung»), als Dave Eggers Reisser «Der Circle»? Brauchen wir immer den medialen Overkill, die Mittel der Unterhaltung, um überhaupt noch etwas wahrzunehmen?

Inspektor statt Technokrat

Vielleicht hat das Theaterpublikum gespürt, dass es für naiver – weil unwissender - gehalten wurde, als es das zehn Jahre nach der Uraufführung des Stückes noch sein kann. Vielleicht hat es sich umgekehrt auch überfordert gefühlt von den Tiraden, die in der Sprache der Zeit aneinandergereiht wurden. So richtig warm wurde es jedenfalls nicht mit dem Setting, das Regisseurin Johanna Wehner wie im Setzkasten aus Baugerüsten anfertigte. Dann die Figuren. Beth, dargestellt von Jana Alexia Rödiger, ist nur noch eine Hülle aus Schminke und Kostüm, während Jürgen Bierfreund als Geheimdienstagent der «Zentrale» nicht etwa als kalter Technokrat daherkommt, sondern eher wie ein Inspektor aus den Kinderschuhen des Fernsehens. Thomas Fritz Jung, der eben noch in Kafkas «Amerika» brillieren konnte, wird auf das Mass der Inszenierung zurechtgestutzt; nur Ines Hollinger kann als traumatisierte Ex-Soldatin noch für Menschliches punkten.

Ein hochbrisantes Thema, dem auf der Konstanzer Bühne kaum Subtilität zukam.

www.theaterkonstanz.de

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