Die Problem-Piratin

Julia Schramm hat das Urheberrecht bekämpft. Bis ihr eigenes Buch erschienen ist. Nun steht die deutsche Politikerin in der Kritik. Dabei ist es doch erstaunlich, dass sogar Piraten noch von einem eigenen Buch träumen.

Lukas G. Dumelin
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Julia Schramm will Autorin sein. Von einem Buch – und nicht nur von kurzlebigen Twittermeldungen. (Bild: pd/Stefan Mager)

Julia Schramm will Autorin sein. Von einem Buch – und nicht nur von kurzlebigen Twittermeldungen. (Bild: pd/Stefan Mager)

Es scheint, als sei ihnen das Internet verleidet. Ausgerechnet ihnen, den Piraten, die dem Internet doch alles verdanken. Sie sind aufgewachsen mit dem Netz, und das Netz hat sie gross herausgebracht. In Eichberg SG ist am Sonntag erstmals ein Schweizer Pirat Gemeindepräsident geworden, und bereits seit 2011 sitzen die Piraten in Parlamenten einiger deutscher Bundesländer.

Sie leben die Zukunft, sie twittern und bloggen, sie wollen die Demokratien transparenter machen, den freien Austausch im Internet fördern – und nun das. Eine Piratin besinnt sich auf ein altes Kulturgut: Sie schreibt ein Buch. Ein Buch, das es aber nicht als Gratisdownload gibt, sondern nur als E-Book und im Buchladen. Und natürlich nur gegen Geld.

Kampf gegen das Urheberrecht

Die Kritik ist heftig. Auch in den eigenen Reihen. In den Positionspapieren der deutschen Piraten spielt das Urheberrecht eine grosse Rolle. «Wir wollen das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von geistigen Werken nicht nur legalisieren, sondern ausdrücklich fördern», heisst es. Gegen das Urheberrecht hat Julia Schramm (26), schön und umtriebig, Autorin des Buchs und Aushängeschild ihrer Partei, lange angekämpft. Nun macht sie eine Ausnahme. Kaum tauchte im Internet die erste Raubkopie auf, ging der Verlag dagegen vor und liess den Download-Link sperren. Im Namen von Julia Schramm.

Marina Weisband, bis im April Geschäftsführerin der Piraten, wollte sich aus dem Streit heraushalten. Das ging gut. Bis am Sonntag. Weil auch sie an einem Buch arbeitet, fragte ein Journalist, was für Konditionen sie mit ihrem Verlag ausgehandelt habe. Den Inhalt interessierte ihn weniger.

Das ist bezeichnend. Auch bei Schramm interessieren sich nur wenige für den Inhalt. Obwohl der Titel «Klick mich: Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin» an Charlotte Roche und Helene Hegemann erinnert. Doch das verheisst eben nichts Gutes. Der Text ist dahingefaselt, selbstverliebt, unüberlegt. Ein bisschen Hitler, Adorno und Bibi Blockberg. Dazu ein Schuss Sex und ein wenig Wahnsinn. Kein Wunder, kommt nichts Substanzielles heraus. «Klick mich» ist kein Buch, das man gerne liest. Es ist auch kein Buch, das man lesen sollte. Weil man sich bald fragen müsste: Was ist das eigentlich? Ein Tagebuch? Eine Autobiographie? Eine Lobrede aufs Internet?

100 000 Euro als Vorschuss

Julia Schramm will sich nicht festlegen. Und schreibt selber, vielleicht fasle sie nur. Auf Twitter mag das ja gehen. Aber von einem Buch einer Politikerin erwartet man mehr. Vor allem angesichts der Summe, die herumgereicht wird: 100 000 Euro habe Schramm kassiert. Als Vorschuss.

Hat sie das Buch darum verfasst? Schramm bleibt stumm. Es sei alles gesagt. Dafür bloggt Weisband, Schramm diene das Geld, um weiterhin die unbezahlte und «undankbare» Vorstandsarbeit bei der Piratenpartei zu leisten. Und sie habe sich mit dem Buch einen «Lebenstraum» erfüllt. Das wäre wohl die erstaunlichste Einsicht, die Schramms Buch liefern würde: dass auch Piraten von einem Buch träumen. Von einer abgeschlossenen Geschichte, die man in den Händen halten kann, ob mit einem Kindle oder als echtes Buch. Und die im Netz nicht adressatenlos umherschwirrt.

Die Neudeutung der Ideale

Vielleicht üben sich Weisband und Schramm darum in der Neudeutung ihrer Ideale: Das Urheberrecht, heisst es nun, wollten sie nie abschaffen, sondern nur die Rechte des Urhebers stärken. Dafür müssten sie eben Teil des Systems werden. Und versuchen, von innen etwas zu ändern. Weisband rühmt sich, für ihr Buch, das erst im März erscheint, einen Verlag gefunden zu haben, der immerhin auf den Kopierschutz ihres E-Books verzichtet.

Es tönt fast so, als seien die Piraten in der Realität angekommen.

Julia Schramm: Klick mich. Knaus-Verlag. Fr. 27.90