Die Prinzessin ohne Panzer

Bei den Bregenzer Festspielen hat am Mittwochabend die Oper «Turandot» von Giacomo Puccini ihre Premiere erlebt. Vor einem grandiosen Bühnenbild entfaltet sich ein von Marco Arturo Marelli in Szene gesetzter Geschlechterkampf.

Rolf App
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Prinzessin Turandot (Mlada Khudoley) auf dem Prüfstand. Ihr Vater, Kaiser Altoum (Manuel von Senden), und, im Verborgenen, Liù (Guanqun Yu) schauen zu. (Bild: Ky/Ennio Leanza)

Prinzessin Turandot (Mlada Khudoley) auf dem Prüfstand. Ihr Vater, Kaiser Altoum (Manuel von Senden), und, im Verborgenen, Liù (Guanqun Yu) schauen zu. (Bild: Ky/Ennio Leanza)

Nach einem Autounfall Giacomo Puccinis im Jahr 1903 stellt seine Frau Elvira die junge Doria Manfredi als Helferin ein. Die Ehe der Puccinis ist stark zerrüttet, in zunehmendem Mass geht der gut aussehende Gatte seine eigenen Wege. Elvira ist misstrauisch. Offen und immer eindringlicher verdächtigt sie Doria Manfredi, mit ihrem Mann eine Affäre zu haben. Das Dorf geht auf Distanz zur jungen Frau, sie nimmt Gift und stirbt drei Tage später unter Qualen. Bei der Obduktion stellt sich heraus: Doria Manfredi war noch Jungfrau.

Turandots Gegenspielerin

Als Puccini viele Jahre später den Entschluss fasst, über die männerhassende Prinzessin Turandot eine Oper zu komponieren, besteht er darauf, dass Turandot, die Eisige, eine Gegenspielerin bekommt: die Sklavin Liù, die durch ihre reinen Gefühle echt «puccinisch» werden soll. Denn die Liebe ist das Grundmotiv seiner Musik, einschmeichelnde Gesangslinien und zärtliche Harmonien ihre Kennzeichen. Für Liù also komponiert er die schönsten, anrührendsten Melodien. Und er lässt auch sie einen grausamen Tod sterben.

Dann weiss Puccini nicht mehr weiter. Kann es noch eine Liebe zwischen dem Prinzen Calaf und Turandot geben? Er fühlt sich ausgelaugt. «Ich bin ein armer ganz trauriger Mann, enttäuscht, alt, nichts, niedergeschlagen», schreibt er. Anderthalb Jahre später ist er tot, und das Schlussduett, an dem er noch im Krankenbett arbeitet, bleibt unvollendet. Der von Puccinis Lieblingsdirigenten Arturo Toscanini vorgeschlagene Komponist Franco Alfano wird die Oper zu Ende bringen. Doch dieses Ende bleibt ein Problem – auch in Bregenz, wo «Turandot» am Mittwochabend auf der Seebühne bei nur gelegentlichem, leichtem Regen Premiere hatte.

Dass gleich zu Beginn ein Teil der von Marco Arturo Marelli in seiner Doppelrolle als Regisseur und Bühnenbildner entworfenen chinesischen Mauer einstürzt, ist also nicht auf das Wetter zurückzuführen, sondern Teil jenes Spektakels, ohne den eine Inszenierung auf der riesigen Seebühne nicht auskommt. Wobei diese Mauer mit ihrem von Treppen und Leitern geprägten, sturmsicheren Stahlskelett von hinten noch beeindruckender wirkt als von vorn.

Der Gang zum Richtplatz

Im Unterschied zu andern Opern Giacomo Puccinis (siehe Kasten) bietet sich «Turandot» nicht nur wegen einer reichen, oft auch üppigen – und von Paolo Carignani mit den Wiener Symphonikern mit all ihren eleganten Feinheiten dargebotenen – Musik für die Seebühne geradezu an. Auch die Handlung tendiert ins Grosse. Schon im grandiosen ersten Akt verfolgt das mal blutgierige, mal wieder mitleiderfüllte Volk, wie das neuste Opfer der grausamen Prinzessin zum Richtort auf dem Turm geführt und mit Schwung in den See befördert wird.

Der Nächste steht schon parat

Ein persischer Prinz ist es, der wie viele andere vor ihm jene drei Rätsel nicht hat lösen können, die Turandot von ihrem künftigen Mann verlangt. Doch schon steht der nächste Bewerber parat. Ein Unbekannter, dessen Namen Calaf nur sein Vater Timur kennen und dessen Sklavin Liù. Sie versuchen ihn nach Kräften von seinem wahnwitzigen Vorhaben abzubringen. Vergeblich. Auch die des ewigen Mordens müden kaiserlichen Minister Ping, Pang und Pong schaffen es nicht.

Doch nicht Calaf muss sterben. Liù ist es, die ihn aus tiefstem Herzen liebt. Und so sehr Marelli die farbigen Massenaufmärsche und das Auftrumpfen einer brutalen Staatsmacht in Szene zu setzen weiss, so gut beherrscht er die Kunst innezuhalten. Wenn Calaf mit Turandot ringt, oder wenn die warmherzige Liù der nur scheinbar kalten, in Tat und Wahrheit aber von enormer Bindungsangst beherrschten Prinzessin gegenüber tritt, dann gelingen Bilder von grosser Kraft und stiller Grösse.

Überzeugende Darstellerinnen

Was durchaus auch mit den Darstellern zu tun hat. Zu Recht ist Guanqun Yu für ihre ganz natürliche, von der Macht der Liebe tief bewegte Liù am Premierenabend beklatscht worden. Zu Recht auch hat Mlada Khudoley reichen Applaus empfangen für ihre Turandot, die im einen Moment scharf und abweisend, im andern verletzlich klingen kann. Manuel von Senden als des Tötens überdrüssiger alter Kaiser Altoum und Michael Ryssov als hilfloser Timur sind ihnen mit ihren warmen tiefen Stimmen gute Partner.

Ping, Pang und Pong

Nicht zu vergessen André Schuen als Ping, Taylan Reinhard als Pang und Cosmin Ifrim als Pong, deren Munterkeit schwer zu überbieten ist. Zusammen mit dem Harlekin, den Marelli dann und wann auf die Bühne schickt, kommt mit ihnen ein anderer, verspielter Ton ins Drama. Puccini entwirft da eine Gegenwelt, selbst wenn die drei auch nur leitende Angestellte des Kaisers sind – die in ihrem unterirdischen Büro neben allerlei Akten auch die abgeschlagenen Köpfe des Henkers archivieren.

Übrigens zeigt sich nicht nur bei Ping, Pang und Pong, bei ihnen aber im besonderen Mass, die Kostümbildnerin Constance Hoffman in ihrem Element.

Wer eine so riesige Bühne bespielt, auf die das Publikum nur von ferne blickt, muss anders inszenieren, grösser, sichtbarer. Marco Arturo Marelli weiss das, und er findet gerade in vergleichsweise statischen Szenen wie der Rätselzene im zweiten Akt virtuos Wege, uns über Gesten und Aktionen in die Seelen der Menschen blicken zu lassen. Faszinierend die Stimmung, die Aron Kitzig mit Videostills und Davy Cunningham mit der Lichtregie zu erzeugen vermögen. Sie verstärken das Geheimnisvolle, das Puccinis Musik mit ihren fernöstlichen Anklängen innewohnt. Und in deren Zentrum Turandot steht, die, indem Calaf Frage um Frage beantwortet, Stück um Stück ihrer Panzer entledigt wird. Am Ende steht sie als die da, die sie ist.

Doch wer ist Calaf? Stimmlich ist an Riccardo Massis Auftritt nichts auszusetzen. Als Darsteller, das heisst als Mann von Fleisch und Blut, der getrieben ist von starken Gefühlen, strahlt er aber entschieden zu wenig Präsenz aus. Dadurch fehlt der Prinzessin Turandot das Gegenüber. Dort liegt dann auch die Crux des Alfano-Schlussduetts, in dem Turandot sich nach langem Sträuben endlich geschlagen gibt. Denn welche Steigerung an Ausdruck erscheint noch möglich nach dem Requiem für die anrührende Liù?

«So sterb' ich in Verzweiflung»

Ihn berühre die «unheimliche Spannung zwischen der biographischen Realität von Puccinis Leben und dem inneren Gehalt des Werkes», hat Marelli gesagt, und Calaf am Anfang in die Rolle Puccinis schlüpfen lassen. Gehört zu diesem inneren Gehalt auch das Unvollendetsein? Puccini selber hat resigniert: «Ich will nicht sagen <So sterb' ich in Verzweiflung>, aber es fehlt wenig daran.»