Die preisgekrönte Illustratorin Christine Aebi gestaltet Bilderbücher, die in die Tiefe graben

Christine Aebi geht gern kreative Umwege. Was dort passiert, hätte eine Ausstellung im Schloss Dottenwil zeigen sollen. Diese wurde wegen Corona auf unbestimmt verschoben. Wir haben die Künstlerin stattdessen in ihrem Atelier in Winterthur besucht.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Christine Aebi in ihrem Atelier in Winterthur: «Ein Stoff muss mich berühren, er muss eine Dringlichkeit haben.»

Christine Aebi in ihrem Atelier in Winterthur: «Ein Stoff muss mich berühren, er muss eine Dringlichkeit haben.»

Bild: Reto Martin

Didi sitzt auf dem Fenstersims und lässt die langen Beine baumeln, den Blick ins aufgeräumte Atelier gerichtet. Hier arbeitet Christine Aebi, Künstlerin, Illustratorin, seit 2010 Ausbildnerin und Dozentin an der Schule für Gestaltung St.Gallen: in einem ruhigen Quartier in Oberwinterthur.

Draussen zwitschern Vögel, blühen die ersten Sträucher in den Vorgärten. Drinnen hat Christine Aebi jetzt Zeit und Ruhe, über ein vorläufig aufgeschobenes Projekt zu sprechen: die Ausstellung «Wie ein Bilderbuch entsteht» im Schloss Dottenwil. Sie hätte am Samstag eröffnet werden sollen. Die ausgewählten Entwürfe und Skizzen aus dem zuletzt erschienenen Buch «Ein bisschen wie du/A Little Like You» werden noch eine Weile über dem Ateliersofa hängen bleiben – in Quarantäne.

Anziehpuppe Didi probiert Kleider: Zeichnungen aus dem Buch «Ein bisschen wie du / A little like you».

Anziehpuppe Didi probiert Kleider: Zeichnungen aus dem Buch «Ein bisschen wie du / A little like you».

Illustration: Christine Aebi

Wer bin ich? Was passt zu mir? Was ziehe ich an?

Auch Didi ist Teil dieses Buchs. Christine Aebi hat ihn aus Wien mitgebracht, wo sie von 1990 bis 1996 Malerei und Grafik studierte und über eine WG-Mitbewohnerin die Regisseurin und Autorin Lilly Axster kennen lernte. Didi, die handgenähte Puppe aus bunten Stoffresten, war Ausstattungselement eines gemeinsam mit Lilly Axster realisierten Kinderstücks am Theater der Jugend. Ein wandlungsfähiges Kerlchen, toll geeignet für Fragen wie «Wer bin ich?», «Was ziehe ich an?», «Was passt zu mir?» – Fragen, die in der künstlerischen Arbeit Christine Aebis eine zentrale Rolle spielen, nicht nur in «Ein bisschen wie du/A Little Like You».

Aus einem der Kartons im Gestell mit Zeichenpapier, Material, gesammelten Entwürfen und Bilderbuchmanuskripten zieht sie ein Sichtmäppchen mit ersten Skizzen dafür – da gab es noch kein konkretes Thema, keine Geschichte. Nur den Wunsch, ein weiteres Bilderbuch mit Lilly Axster zu machen. Und diese Didi-Frage, «Was ziehe ich heute an?».

Das Mädchen Terry erinnert sich im Buch «Ein bisschen wie du / A little like you» an die verstorbene Mom Chioma, die Freundin ihrer Mutter.

Das Mädchen Terry erinnert sich im Buch «Ein bisschen wie du / A little like you» an die verstorbene Mom Chioma, die Freundin ihrer Mutter.

Illustration: Christine Aebi

Für die vier vorausgehenden Bücher, darunter das Aufklärungsbuch «DAS machen?», hatten Christine Aebi und Lilly Axster zahlreiche Preise erhalten – obwohl oder gerade weil sie sich abseits des Mainstreams bewegen, in kleinen Verlagen publizieren und sich viel Zeit für ihre gemeinsamen Projekte nehmen. Text und Bilder entstehen in regem Austausch. «Es muss eine Dringlichkeit geben, etwas, das uns brennend interessiert», sagt Christine Aebi. «Zwischen uns gibt es keinen Vertrag auf Lebenszeit. Jedes Buch hat eine eigene, spezifische Motivation.»

Sie wird mit ihren Skizzen und Zeichnungen zur Mitautorin

Zwei oder mehr Bücher im Jahr zu illustrieren, wie es viele Kollegen tun, erscheint ihr unvorstellbar; fertige Texte hemmen die Kreativität eher.

«Ich brauche die Freiheit, ein riesiges Feld aufzutun. Ich möchte graben, in die Tiefe gehen, damit es etwas Substanzielles ergibt.»

So wird sie mit ihren Skizzen, Collagen und Zeichnungen zur Mitautorin. Als Illustratorin hat sie eine eigenständige Bildsprache und Vorgehensweise gefunden und sich dafür viel Zeit genommen. «Ich konnte wenig anfangen mit dem gängigen Stil in Bilderbüchern», sagt sie, «weder mit dem schematisierten comichaften noch mit dem märchenhaften. Hätte ich als junge Frau den Weg einer Illustratorin eingeschlagen, hätte ich wohl versucht, die Tradition zu kopieren.»

Stattdessen malte sie grossformatige Porträts, befasste sich mit der Menschendarstellung in der Kunst. Das ist ihren Figuren anzusehen. Wie Porträtierte erwidern sie zuweilen den Blick des Betrachters, zeigen Spuren von Unbehagen darüber, dargestellt, im Innersten entblösst zu werden: ein Gefühl, das uns im Selfiezeitalter abhandenzukommen scheint.

Dinge, die sprechen – und Figuren mit Geschichte

Es brauchte freilich eine Weile, bis Christine Aebi «im Format ankam» – bis ihre Bilder und Figuren nicht die maximale Grösse noch handlicher Buchseiten sprengten. Auch ihr Verhältnis zu den Dingen hat sich geändert. «Früher war mir wichtig, dass es ja kein Detail gibt, das nicht zwingend ist», sagt sie.

Wie sich Räume und Gegenstände anfühlen in der Wohnung einer Verstorbenen: «Ein bisschen wie du / A little like you» macht es spürbar.

Wie sich Räume und Gegenstände anfühlen in der Wohnung einer Verstorbenen: «Ein bisschen wie du / A little like you» macht es spürbar.

Illustration: Christine Aebi

Heute lässt sie gern Gegenstände sprechen, achtet aber darauf, dass sie nicht zu enge Milieuvorstellungen und Zuschreibungen erzeugen. Statt typisierter Gestalten, ob Kind, Erwachsener oder vermenschlichtes Tier, zeigt sie Menschen mit Persönlichkeit, arbeitet dafür mit lebenden Modellen oder mit Fotografien.

Didi hat seine Aufgabe erfüllt, aber noch immer einen gemütlichen Platz im Atelier. Vielleicht auch, weil er ein Stück Lebensgeschichte der Künstlerin Christine Aebi in sich birgt. Weil er von Zeiten erzählt, da sie, als Jugendliche auf Identitätssuche, fantasievolle Kleider nähte und wählte. Um der Welt zu sagen, wer sie ist und was ihr passt.

Die Ausstellung «Wie ein Bilderbuch entsteht» in der Galerie Dottenwil wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Arbeiten von Christine Aebi auf der Website dasmachen.net

Die Bücher:
Lilly Axster und Christine Aebi mit Henrie Dennis und Jaray Fofana, Ein bisschen wie du / A little like you. Zaglossus, Wien 2018 (Österreichischer Kinderbuchpreis, Staatspreis Schönste Bücher Österreichs)
Lilly Axster und Christine Aebi: DAS machen? Projektwoche Sexualerziehung in der Klasse 4c. DEA Panoptikum, Wien 2012 (Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis, Shortlist Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis)
Lilly Axster und Christine Aebi: Alles gut. Die Geschichte von Leonies Umzug. DEA Panoptikum 2007 (Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis)
Lilly Axster und Christine Aebi: Jenny, sieben. DEA Panoptikum, Wien 2005 (Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis)Lilly Axster und Christine Aebi: Wenn ich gross bin, will ich fraulenzen. Empirieverlag, Wien 2003 (Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis)

Schweizer Illustratorinnen mischen Kinderbuchszene auf

In der Schweiz wachsen starke Illustratorinnen heran. Ihnen fehlt es aber an guten Geschichten. Deshalb illustrieren sie Klassiker immer wieder neu – oder werden gleich selbst zu Autorinnen. An der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna zeigen sie ihr Können. Denn die Schweiz ist dieses Jahr Gastland.
Anna Kardos

Das will ich auch machen

Die an der Schule für Gestaltung als Dozentin tätige Christine Aebi hat gemeinsam mit Lilly Axster ein Buch über Sexualerziehung gestaltet. Sie werden demnächst in Wien mit dem österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis geehrt.
Brigitte Schmid-Gugler