Die Präsenz der Vergangenheit

Kino Als Achtjähriger wurde Jacques Chessex 1942 in seiner Heimatstadt Payerne Zeuge von Ereignissen, die ihn sein Leben lang verfolgten und die er 2009 im Roman «Un juif pour l'exemple» verarbeitete.

Walter Gasperi
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Kino Als Achtjähriger wurde Jacques Chessex 1942 in seiner Heimatstadt Payerne Zeuge von Ereignissen, die ihn sein Leben lang verfolgten und die er 2009 im Roman «Un juif pour l'exemple» verarbeitete. Jacob Berger verfilmte nun nicht nur den Roman, sondern erinnert auch an die heftigen Reaktionen, die die Veröffentlichung des Romans hervorrief.

Ausgehend von einer Radiosendung, in der der 75jährige Chessex (André Wilms) als Nestbeschmutzer beschimpft wird, blendet Berger zurück in die Vergangenheit. Wie präsent diese für den Schriftsteller noch ist, wird deutlich, wenn er in diesen Szenen nicht nur als Kind, sondern immer wieder auch als alter Mann auftaucht. Für einen anachronistischen Bruch – und anfangs für Irritation – sorgt auch, dass die Kostüme und Bauten zwar grossteils historisch korrekt wirken, andererseits aber moderne Autos oder Polizisten in heutiger Uniform auftauchen.

Das wirkt zwar manieriert, aber Berger will bewusst machen, dass sich die historischen Ereignisse jederzeit wiederholen können. So lassen nicht nur die Rufe nach strengeren Grenzkontrollen und die Vertreibung von aus Deutschland fliehenden Juden durch Schweizer Grenzposten an heutige Flüchtlingsströme denken, sondern auch zu den Scharfmachern, die zu Anschlägen aufrufen, und den Stammtischrunden, in denen Mordpläne geschmiedet werden, gibt es vielfältige aktuelle Parallelen.

Aufarbeiten statt verdrängen

Berger dramatisiert die Ereignisse aber nicht, sondern erzählt ruhig in langen Einstellungen. In kurzen Szenen bietet er Einblick in die prekäre wirtschaftliche Situation der Region. Kühl und sachlich, aber gerade dadurch eindringlich zeichnet Jacob Berger so die Chronologie der Ereignisse bis zum bestialischen Mord am Berner Viehhändler Arthur Bloch (Bruno Ganz) am 16. April 1942 nach. Und er ruft am Ende auch mit Archivmaterial von nationalsozialistischen Kundgebungen in der Schweiz ein gerne verdrängtes dunkles Kapitel der eidgenössischen Geschichte in Erinnerung.

Im Kinok St. Gallen und Roxy Romanshorn, weitere folgen