Die Pistole ist der Star

Im Kino Es braucht nicht immer einen Oscar-Preisträger für die Hauptrolle in einem Film. Manchmal genügt eine Pistole, ein Truck oder ein Gummipneu.

Philippe Reichen
Merken
Drucken
Teilen
Treffsicheres Kino: Brad Pitt muss in «The Mexican» einem Mafioso eine Waffe aus Mexiko in die USA bringen. (Bilder: pd)

Treffsicheres Kino: Brad Pitt muss in «The Mexican» einem Mafioso eine Waffe aus Mexiko in die USA bringen. (Bilder: pd)

Der Pneu liegt im Nirgendwo einer Sandwüste verscharrt. Im Moment, in dem die Kamera auf ihn zoomt, beginnt er sich zu drehen, erhebt sich und rollt und rollt und rollt. Die Kamera rollt mit, zeigt ihn einmal von der Seite, dann wieder dicht von hinten. Es ist kein besonders schöner, aber auch kein speziell hässlicher Pneu. Bei einem körperlosen Hauptdarsteller sind andere Dinge wichtig: Sein Profil zum Beispiel scheint intakt zu sein. Mit dieser Szene bringt Regisseur Quentin Dupieux seinen Trash-Film «Rubber» (siehe Kasten) in Fahrt. Er ist das jüngste Beispiel in der Filmgeschichte, das beweist, dass die Hauptrolle nicht zwingend einem Menschen gehören muss.

Eine Pflanze leckt Blut

Steven Spielberg hat die Hauptrolle in seinem ersten Spielfilm «Duel» aus dem Jahr 1971 einem Lastwagen gegeben. Dieser liefert sich eine regelrechte Verfolgungsjagd mit einem knallroten Plymouth Valiant Custo. Sie rasen zunächst durch die Stadt, später über endlose Highways, wobei nie klar wird, warum der LKW das Auto verfolgt. Ebenso unklar ist, wer im Truck am Steuer sitzt.

Während der Autofahrer zu erkennen ist, zeigt Spielberg nur die Cowboystiefel des LKW-Fahrers – und dies auch nur in einem sehr kurzen Augenblick. Alles andere überlässt der Regisseur in seinem streng reduktionistischen und nahezu dialogfreien Thriller der Vorstellungskraft des Betrachters.

Horrortauglich sind auch Pflanzen. Ein Gewächs, das wie eine Venusfliegenfalle aussieht, drängt sich in Roger Cormans 1960 erschienener Schwarz-Weiss-Horror-Komödie «The Little Shop of Horrors» (Kleiner Laden voller Schrecken) ins Zentrum des Films. Die Pflanze hört auf den Namen Audrey junior. Als sich der Besitzer an einer Glasscherbe schneidet, wird ihm klar, was Audrey zum Leben braucht: Blut, besser noch menschliches Fleisch. Dass sie ihn am Ende selbst verschlingt, ist der Höhepunkt dieser schwarzen Komödie.

Filme erreichen Kultstatus

Filme ohne menschliche Hauptdarsteller werden nicht besonders häufig produziert, können aber durchaus erfolgreich sein. Spielbergs «Duel» und Cormans «Kleiner Laden voller Schrecken» spielten als billig produzierte B-Movies ein Vielfaches der Produktionskosten ein. Beide Filme erreichten Kultstatus, was auch Regisseur Gore Verbinski mit «The Mexican» im Jahr 2001 versuchte, ihm aber trotz sehr guter Umsatzzahlen nicht gelang. Darin soll Jerry Welbach (Brad Pitt) einem Mafioso eine alte, als «The Mexican» bekannte Pistole beschaffen und aus Mexiko in die USA bringen. Brad Pitt und Julia Roberts müssen sich ihre Hauptrollen mit der Pistole zumindest teilen. Im Gegensatz dazu geniesst ein Verlobungsring im Film «Airbag» aus dem Jahr 1997 die ungeteilte Aufmerksamkeit. Der schüchterne Anwalt Juantxo verliert ihn während seines Polterabends im Bordell. Beim Versuch, ihn zurückzubekommen, gerät er zwischen die Fronten philosophierender Polizisten, eiskalter Frauen und der Kokainmafia.

Tierische Filmstars, die auf Namen wie «Flipper», «Lassie» «Babe» oder «Fury» hören, haben zwar oft menschliche Züge, aber der Hund «Bombón» in Carlos Sorins Roadmovie wird mehr wie ein Gegenstand in Szene gesetzt. Der Argentinier erreichte mit dem müden «Bombón» in der unendlichen Weite Patagoniens das Kinopublikum auf der ganzen Welt.

Der Film «Rubber» läuft ab Freitag bis Ende Monat im Kinok, St. Gallen

Der Lastwagen jagt ein Auto.

Der Lastwagen jagt ein Auto.

Audrey frisst Menschen.

Audrey frisst Menschen.

Bombón ist der stumme Star.

Bombón ist der stumme Star.